Wien. Es waren die Terroranschläge in Frankreich 2015, die den Ausschlag gegeben haben: Wenige Tage später gründete Alexander Karakas, Österreicher mit türkischen Wurzeln, gemeinsam mit dem erfolgreichen Thaiboxer Karim Mabrouk die NGO "Not in God’s Name". Diese hat es sich zum Ziel gesetzt, durch Sport und Workshops präventiv zu deradikalisieren und Jugendlichen eine Perspektive abseits von extremen Gruppierungen aufzuzeigen.

Die Jugendlichen kommen aus Schulen oder Integrationseinrichtungen, aber auch Richter haben schon zu "Not in God’s Name" weitervermittelt. "Zu Beginn hatten wir nur wenig finanzielle Mittel", erzählt Karakas. Ein Jahr habe man sich um Förderungen bemüht. Seit Anfang des Jahres erhält der Verein Förderungen sogar vom Außen- und Integrationsministerium und inzwischen auch vom Sport- und Verteidigungsministerium.

Bei der Initiative ist man froh, dass es geklappt hat: "Durch die Förderungen können die Sportler bezahlt werden und haben so mehr Zeit zur Verfügung", so Karakas. Außerdem gebe es jetzt mehr Veranstaltungen als noch zu Beginn. Waren es anfangs ein bis zwei Einsätze pro Monat, sind es jetzt drei wöchentlich.

Dass auch fast drei Jahre nach den Anschlägen in Paris die Gefahr keineswegs gebannt ist, zeigen nicht nur weitere Terrorakte, auch die Nachfrage sei gestiegen, so Karakas. Immer mehr Lehrer würden auf das Projekt aufmerksam. Radikale Denkmuster seien in vielen Köpfen präsent. Selbst, wenn nur zwei von 20 radikal denken, sei es wichtig, diese anzusprechen. "Wir können sicherlich nicht alle erreichen, aber wir erreichen die, um die es geht."

Rund zwanzig Jugendliche treffen sich dazu einmal wöchentlich im Gymnastiksaal der Sporthalle in der Bernoullistraße im 22. Bezirk: Sie trippeln auf der Stelle und boxen in die Luft. Der Trainer geht durch die Reihen und prüft die Haltung, korrigiert wenn notwendig. Dann ein Kommando: "Zu zweit zusammen gehen!" Die Jugendlichen gehorchen aufs Wort. "Von den Lehrern wissen wir, dass die Schüler selten so auf jemanden hören wie auf uns", sagt Foad Sadeghi, der sportliche Leiter von "Not in God’s Name".

Wie IS-Rekrutierungsvideo


Die Popularität von Kampfsport bei vielen jungen Migranten sei vergleichbar mit der von Fußball oder Skifahren bei österreichischen Jugendlichen, so Karakas. Auch Mädchen aus einem muslimischen Privatgymnasium sind dabei. Sie alle sind mit Kopftuch zum Training erschienen.

Gamze Altindas, Trainerin bei "Not in God’s Name", ist gläubige Muslimin, studiert Jus und betreibt Thai-Boxen. Durch Vorbilder wie Altindas möchte man den Mädchen vermitteln: Glaube und Sport schließen einander nicht aus. Und: Auch als Frau kannst du deinen eigenen Weg gehen.

Da Radikalisierung häufig im Netz stattfindet, erarbeitete die Initiative dieses Jahr Videoclips, in denen Sportler gegen Hass und extremes Gedankengut eintreten. Diese sollen einen Gegenpol zu IS-Videos schaffen. Eingespeist in Chatrooms soll es Menschen davon abhalten, als sogenannte "foreign fighter" für den islamischen Staat zu kämpfen. In dem Video ist eine durchdringende Männerstimme zu hören: "Der Dschihad ist überall, auch in Österreich." Dann spricht ein junger Mann, sein Gesicht liegt im Schatten. Er erzählt von seinen Erfahrungen, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden. Dann rückt das Gesicht des Mannes ins Licht: "Mein Name ist Karim Mabrouk", sagt er. Für viele Jugendliche, die ähnliches erlebt haben, ist der Wiener mit ägyptischen Wurzeln ein Vorbild. Seine Botschaft ist deutlich: "Bau dir etwas auf, für deinen Glauben, für deine Familie, für dich selbst."

In IS-Rekrutierungsvideo wird oft mit angeblichen "Vorbildern" gearbeitet, die Jugendliche auf eine bestimmte Seite ziehen wollen, erklärt Sagi Zilbershatz von "Not in God’s Name". Für jeden ethnischen Hintergrund ein spezifisches Video zu haben, sei durchaus ein Ziel, sagt er. Man müsse den Jugendlichen zeigen, dass man ihnen wünscht, dass sie erfolgreich sind.