Verköstigt werden im "Häferl" 150 bis 220 Menschen pro Tag. - © Stanislav Jenis
Verköstigt werden im "Häferl" 150 bis 220 Menschen pro Tag. - © Stanislav Jenis

Wien. Am Ende einer kleinen Abzweigung der Hornbostelgasse im 6. Bezirk steht eine kleine, unscheinbare Steinmauer mit einer einzigen Tür. Darüber thronten die festungsartigen Mauern der evangelischen Gustav-Adolf-Kirche. Unter der Adressplakette ein Schild, auf dem die Sackgasse in "Straße der Verlierer" umbenannt wurde. Aber mit einem großen Fragezeichen dahinter. Geht man durch die Tür und den verwilderten Weg zum Eingang der Unterkirche des Gotteshauses, steht man auf einmal vor ein paar überdachten Reihen an Wirtshausbänken, auf denen trotz der Dezemberkälte Leute sitzen und plaudern. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen, aus dem Gebäudeinneren dringt Stimmengewirr.

Hinter dem engen Vorraum, der als Küche dient, wurde das Schiff der Unterkirche zum Wirtsraum umfunktioniert. Aus der Musikanlage tönen die melancholischen Akkorde des Stones-Klassikers "Angie". Hier ist "s’Häferl" oder auch nur "Häferl" genannt. 1988 wurde es von der evangelischen Gefangenenseelsorgerin Gerlinde Horn als Tagesstätte für Haftentlassene und Freigänger konzipiert. Seit 2003 ist es ein Armenwirtshaus der Stadtdiakonie, in dem "jeder willkommen ist, der Hunger hat", wie es heißt. An vier Tagen pro Woche werden kostenlose Menüs ausgegeben, bei Bedarf gespendete Kleidung verteilt.

Eine warme Stube

Neben der Nachspeise gibt es auch Suppe und Hauptspeise, alkoholfreie Getränke kosten 50 Cent. Ins Häferl kommen seit Jahren nicht mehr nur Haftentlassene. Viele der Gäste sind arbeitslos, haben keine Wohnung, sind Sozialhilfeempfänger, Pensionisten am Existenzminimum oder "Armutsmigranten" aus Osteuropa. Das Häferl ist auch Ort der Begegnung und des Austausches, eine warme Stube, ein Anknüpfungspunkt, wenn die Perspektive fehlt.

Am ersten Donnerstag im Monat wird auch niederschwellige Sozialberatung der Diakonie angeboten. Am Eingang sitzt Ivi und teilt allen Gästen, die ankommen, bereits die Nachspeise aus. An diesem Tag sind es jeweils eine Banane und eine Mehlspeise. Die Essensspenden kommen von Vereinen wie der Wiener Tafel oder Bauern und Großhändlern. Die rüstige Ungarin betätigt sich bereits seit sechs Jahren freiwillig im Häferl. So käme die Pensionistin auch wieder mehr unter Leute, seit ihr Mann gestorben sei, erzählt sie und zieht an ihrer Zigarette.

Vom "Häfn" ins "Häferl"

Auch Norbert Karvanek macht gerade Rauchpause, während sein Hund Sophokles unterm Tisch liegt. Trotzdem kommt er kaum zur Ruhe, gibt Anweisungen, schickt ein paar der Helfer zum Einkaufen und plaudert mit den Neuankömmlingen. Er leitet die Einrichtung seit 2008, bereits 2004 begann er sich im Häferl freiwillig zu engagieren.