Wien. Die Hure ist versoffen. Ihre Wangen sind fahl. Ihre Lippen rot. Ihre Brüste operiert. Die Netzstrumpfhose unter ihrem Latexrock hat faustgroße Löcher. Hustend drückt sie mit den Absätzen ihrer High Heels Zigarettenstummel aus. Die Hure hat einen Zuhälter, der sie schlägt. Sie möchte von ihm gerettet werden. Die Hure ist triebhaft. Sie denkt den ganzen Tag an Sex. In verlotterten Bordellbetten befriedigt sie Männer am laufenden Band. Die Hure ist ungebildet. Sie hat keinen Schulabschluss. Keine Ausbildung. Keinen Beruf. Sonst würde sie wohl kaum ihren Körper verkaufen. Die Hure ist dumm.

Michaela (Name von der Redaktion geändert) schüttelt den Kopf. "Das Klischee der Hure ist fest in den Köpfen der Menschen verankert. Es ist kaum aus der Welt zu schaffen", sagt sie und nippt an ihrem Mangosaft. Michaela weiß, wovon sie spricht. Sie ist selbst Teil der Szene. Seit 16 Jahren arbeitet die Mittdreißigerin in einem der größten Bordelle der Stadt. Doch Michaela ist nicht nur Prostituierte. Sie ist auch Bloggerin. Unter dem Pseudonym "die dritte Frau" feuert sie Texte aus der Wiener Rotlichtszene ins Netz.

"Viele Männer beklagen sich bei mir, dass ihre Frauen keinen Sex mehr wollen. Dann legen sie los. Dann verstehe ich ihre Frauen", ist da zu lesen. Oder: "Zuletzt wollte mich einer heiraten. Da macht man sich wirklich Gedanken. Über geeignete Psychotherapien und ob Lobotomie noch irgendwo durchgeführt wird." Mit beißender Ironie erzählt "die dritte Frau" über anhängliche Kunden, den Inhalt ihrer Handtasche oder warum sie drei Stunden bei Minusgraden nackt auf einem Balkon zittert. Es sind Geschichten aus ihrem Berufsleben. "Ich blogge nicht über veganes Essen, Frühförderung für Babys oder Kleidung, die sich selbst binnen zwei Jahren in Kompost umwandelt", schreibt sie. "Ich blogge direkt aus der sogenannten Wiener Unterwelt. Hier werden Klischees kräftig ins Straucheln gebracht."

Denn Michaela hat ein Ziel. Sie will endlich mit der gängigen Vorstellung von Sexarbeit aufräumen. Sie hat es sich auf die Fahnen geschrieben, das Klischee der Hure zu brechen. "Das Bild der Prostituierten ist falsch. Es stigmatisiert und diskreditiert uns. Es tabuisiert unseren Beruf. Es drängt uns unweigerlich in die Opferrolle", sagt Michaela. "Ich bin aber kein Opfer. Niemand zwingt mich, als Sexarbeiterin zu arbeiten. Ich mach es gerne und es macht mir Spaß. Ein Bürojob würde mich umbringen."