- © Stanislav Jenis
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Wien. Martin steht immer wieder auf, um den Bewohnern die Türe zu öffnen. Es ist 17 Uhr und der Pensionist setzt sich gerade in seinen Bürosessel. Da klopft wieder einer an. "Dabei haben wir eigentlich erst ab 18 Uhr offen", seufzt Martin, während er neuerlich aufsteht. Im Vinzibett wird es mit den Zeiten nicht so streng genommen. Die Menschen, die in diese Notschlafstelle kommen, können so lange bleiben wie sie wollen - falls ein Bett frei ist und sie sich gut einfügen. Die Entscheidung liegt bei Martin, dem Leiter des Hauses.

Die frühen Vögel unter den Bewohnern verschwinden in den oberen Stockwerken, wo ihre Zimmer sind. In einem schmücken Bilder die Wände, eines der speziellen Zimmer für Frauen wiederum ist besonders farbenfroh eingerichtet. Viele, die ins Vinzibett kommen, tun das, um zu bleiben. Auch Martin wohnt hier. Sein Zimmer ist schlicht. Ein paar Bücher, Zigarettenpackungen, viele undefinierbare Dokumente.

Allmählich füllt sich auch der Speisesaal im ersten Stock. Um 19 Uhr gibt es Abendessen. Martin erklärt mit sanfter Stimme, dass er seine "Schäfchen" einschätzen gelernt hat: "Bei manchen Bewohnern weiß ich einfach, dass sie hier bleiben werden", sagt er.

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Piet zum Beispiel. Der große junge Mann isst bedächtig sein Gulasch. "Der wird bald an seinem Ende hier im Vinzibett angekommen sein", meint Martin. Der 21-jährige Piet wurde in Holland geboren, lebte einige Zeit in Ungarn und kam schließlich als Jugendlicher nach Österreich. Hier besuchte er erst eine HAK. Die brach er wegen Sprachproblemen nach zwei Jahren ab und begann eine Lehre. Auch das ging schief. Danach Berufsschule in Wien - auch abgebrochen. Nun stand er alleine mit leeren Händen auf der Straße. Er hatte keine Arbeit, war mittellos und als Holländer nicht lange genug in Österreich, um die Mindestsicherung beziehen zu können. Mit seiner Familie hatte er sich zerstritten und in Wien keine Bekannten. Schließlich verbrachte er mehrere Wochen auf der Straße und wohnte in verschiedenen Quartieren, bis er ins Vinzibett kam.

"Das ist das Beste", sagt er. "Es ist so etwas wie ein Zuhause für mich, aber nur vorübergehend". Jetzt macht er beim angeschlossenen Vinzimarkt eine Lehre und verdient so Geld. Nach der Arbeit geht er gerne in die Bibliothek, sonst ist er aber viel im Haus. Neben dem Vorhaben, zukünftig mehr Sport zu machen, will er seine Matura nachholen und studieren. "Ich bin am Ende meiner Obdachlosigkeit. Hoffentlich.", sagt er mit einem Lächeln.