In den meisten Kaffeehäusern wird stets mit Krawatte und Sakko serviert - auch wenn es mehr als 30 Grad hat. - © apa
In den meisten Kaffeehäusern wird stets mit Krawatte und Sakko serviert - auch wenn es mehr als 30 Grad hat. - © apa

Wien. Sandalen mit Socken, kurze Leggins oder auch Polo-Shirts mit aufgestellten Krägen. Die sengenden Temperaturen in der Bundeshauptstadt fördern wieder einige sommerliche Modesünden zutage. Jedenfalls ist kurze Freizeitkleidung wieder en vogue, ganz der Hitzewelle entsprechend. Trotzdem hält sie viele nicht davon ab, zum Anzug zu greifen, vom Verkaufsmitarbeiter über den Kellner bis zum Juwelier. Auch Wiens Fiaker tragen zwar kurze Hemden, aber auch bei mehr als 30 Grad die typische Melone. Schwitzen für den "guten Stil"? Ist das vertretbar?

"Wer Kundenkontakt hat, repräsentiert seine Firma und vermittelt auch mit seiner Kleidung unter anderem die Botschaft von Qualität, Kompetenz, Exklusivität, Respekt", erklärt Tanzschul-Besitzer und Benimm-Experte Thomas Schäfer-Elmayer dazu im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Ausnahmen gebe es wenige, oft müsse man die Hitze "in Würde ertragen", betont er.

"Das gilt beispielsweise auf einem Ball oder bei einer anspruchsvollen Einladung, weil die Kleidung wesentlich zur festlichen Atmosphäre gehört oder im Beruf, wenn man eine Uniform zu tragen hat oder die Corporate Identity des Arbeitgebers es verlangt", sagt er. Das ist nicht nur in Juwelieren oder Luxusgeschäften - klimatisiert oder nicht - der Fall.

Auch Bankmitarbeiter arbeiten bei der Hitze im Anzug. Vonseiten der Raiffeisen-Landesbank heißt es dazu auf Anfrage nur knapp, die Mitarbeiter wären ihrem Job entsprechend gekleidet - bei jedem Wetter. Ebenso vertreten Wiens Kellner das Kaffeehausimage auch bei Hitze. Im noblen "Schwarzen Kameel" in der Innenstädter Bognergasse sogar mit Krawatte und weißem Sakko. Dabei erfüllen sie auch Erwartungen der Gäste. "Kurze Hosen in der Gastro gehen gar nicht", meint etwa eine Pensionistin, die im Schanigarten eines Eissalons am Schwedenplatz sitzt. Sie zeigt aber vollstes Verständnis für kurze oder aufgekrempelte Ärmel, wie sie manche Kellner als Behelf verwenden.

Von ihrer Tätigkeit bei Handelsunternehmen und Autohäusern weiß die ehemalige Disponentin, dass es im Fall der Kleidung auch stark auf die Vorgesetzten ankommt. "Ich hatte Chefs, die selbst prinzipiell im Poloshirt in die Arbeit gekommen sind und daher auch für die Verkäufer lockerere Vorschriften hatten", erinnert sie sich.

Thomas Schäfer-Elmayer spricht übrigens aus Erfahrung, er war selbst sieben Jahre lang für einen Schweizer Chemiekonzern in Afrika tätig - ganz ohne Klimaanlagen. Trotzdem ging er jeden Tag in Anzug und Krawatte ins Büro. "Vorrang hat der berufliche Erfolg."