Wien. Manchmal funktionieren generationsübergreifende Zusammenarbeiten. Und ab und zu sogar hervorragend. Jahrelang war das legendäre Weinhaus Pitzl geschlossen. Erst seit kurzem ist die Tür wieder offen, nun heißt es Weinhaus Pfandler statt Pitzl: Der alte und der neue Chef stehen gemeinsam im Lokal. "Ich hab nur den Platz gewechselt", so der ehemalige Inhaber Hans Pitzl lachend, "ich steh jetzt vor und nicht hinter der Budl."

Das Weinhaus ist ein unverändertes Juwel aus einer anderen Zeit: Mit einem Schmuckstück von Schank, authentischen Sitzgelegenheiten und Resopaltischen, stimmigen Lüstern, selbst einige der Weingläser stammen von damals. "Damals", das geht zurück bis ins Jahr 1955, als Pitzls Vater das Weinhaus eröffnete. Gewohnt hat die Familie in der Wohnung dahinter: Der ehemalige Chef und nunmehrige Gast ist bis heute dort geblieben.

Pitzl, gerade erst 70 geworden, ist ein rechtschaffenes Wirtshauskind und hat das Lokal 1974 vom Vater übernommen: "Es gibt jetzt noch ein paar Gäste, die kennen mich noch als Zwerg." Pitzl wurde 2009 plötzlich schwer krank, es folgten monatelange Spitalaufenthalte. Im Lokal aber änderte sich nichts. Seit 1955. Die Wandpaneele sind von einem Tischler in der Eichenstraße, die Schank wurde von der bekannten Meidlinger Firma Riebl gebaut, so Pitzl: "Das war zur damaligen Zeit alles supermodern. Die Schank war relativ groß fürs Lokal - aber die war ein gutes Geschäft."

Roman Pfandler - 1975 geboren und damit 20 Jahre jünger als sein "neues Baby" - klopft auf die Budl und hakt ein: "Das ist solide Qualität. Die Lamperie war Gott sei Dank auch total fit. Ich hab hauptsächlich geputzt, den Boden geschliffen und dann versucht, das farblich mit Ölen wieder hinzukriegen." Operation geglückt. Das Publikum ist eine ausgeglichene Mischung aus euphorischen Neuankömmlingen und arrivierten Stammgästen: Gespräche werden über verschiedene Tische quer durchs Lokal geführt, neue Bekanntschaften über einem Glas Wein geschlossen.

Pitzl hatte einige Interessenten, "aber die habe ich alle weitergeschickt, weil sie das Lokal ruiniert hätten." Die Wahl fiel auf Pfandler, der zu Pitzl sagt: "So ein altes Juwel findet man wirklich nur noch sehr selten, und Gott sei Dank haben Sie das nicht kaputtrenoviert. Das haben ja viele in den 1980ern gemacht."

Pfandler weiß, wovon er spricht, er ist kein ungebranntes Kind und sagt: "Ich bin ja auch ‚vorgeschädigt‘. Mein Großvater hat in den 1930ern an der tschechischen Grenze ein Gasthaus eröffnet, und das hat mich schon immer fasziniert. Mein Vater wollte eigentlich auch ein Wirtshaus machen, meine Mutter hat ihn dann aber vor die Entscheidung gestellt: entweder Familie oder Wirtshaus." Pfandler selbst betrieb jahrelang die Wiener (Underground-)Szenelokale Transporter und brut Bar. Sein Fazit: "Nach elf Jahren Nachtleben ist das hier die logische Konsequenz. Ich bin oft erst um fünf, sechs in der Früh heimgegangen, auf die Dauer zuzelt einen das schon aus."