Wien. Das Gerichtsverfahren endete vor einem halben Jahr. Kurz darauf musste Sylvia Linc den Schlüssel ihrer Sozialwohnung abgeben, aus ihrer Wohnung in der Belvederegasse im 4. Bezirk ausziehen. Heute wird die Wohnung als Touristenappartement auf booking.com angeboten. Wienbesucher mieten sie nun für ein paar Nächte um das Zehnfache des Mietpreises, den Linc bezahlte. Es ist ein gutes Geschäft für die Immobilienfirma, ein Albtraum für die langjährigen Mieter, die sich gemobbt fühlen.

"Die Vermieter haben mir Detektive auf den Hals gehetzt", sagt Linc. "Sie haben Nachbarn über mich befragt, haben mir nachspioniert", erzählt sie. Gerichtsprotokolle, die der "Wiener Zeitung" vorliegen, bestätigen diese Vorgangsweise. "Ich bekam Verfolgungswahn. Steht da ein Auto? Wer geht hier? Wenn jemand angeläutet hat, habe ich nicht aufgemacht."

Der zehnfache Preis

Erbaut wurden die beiden Wohntürme Anfang der 1960er Jahre durch die Gemeinnützige Bau- und Siedlungsgesellschaft mbH (Gesfö). Vor drei Jahren kaufte Jump Immobilien GmbH & Co KG das Gebäude um mehr als drei Millionen Euro. Nach einer Namensänderung heißt sie nun Saltus Immobilienentwicklung GmbH & Co KG. Sie ist als Eigentümerin im Grundbuch eingetragen. Die Vermietungen erfolgen unter dem Namen Etagerie-Urbanauts Hospitality GmbH.

Die gemeinnützigen Wohnungen dürfen höchstens um 3,86 Euro an Miete/Quadratmeter plus Betriebskosten (etwa 2,20 Euro/m2) plus zehn Prozent Umsatzsteuer vermietet werden. Das besagt das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz (WGG). Bei 45 Quadratmetern sind das 290 Euro pro Monat, knapp 10 Euro pro Nacht. Der veranschlagte Mietpreis von 100 Euro pro Nacht für die Touristenwohnungen übersteigt diesen Wert hingegen um das Zehnfache.

Linc, die einen Zweitwohnsitz in Bad Sauerbrunn hat, wurde von Saltus wegen angeblicher Nichtbenutzung ihrer Wohnung in der Belvederegasse geklagt. "Eine Woche vor Weihnachten habe ich die gerichtliche Aufkündigung im Postkasten gehabt." Ein von ihr gefordertes Gespräch zuvor gab es nicht. "Ich habe den Vorwurf natürlich in Streit gestellt", sagt Linc. Vergeblich. "Ich habe die Wohnung vor einem halben Jahr aufgegeben, habe einen Geldbetrag bekommen, bin gegangen", erklärt Linc.

Andere Mieter erzählen der "Wiener Zeitung" von ähnlichen Erfahrungen. "Die Vermieter schrecken vor nichts zurück", sagt ein Mieter, der seit zwanzig Jahren in dem Haus wohnt. "Ich habe einen unbefristeten Hauptmietvertrag. Wenn man gemobbt wird, hilft das aber alles nichts", sagt er. Der Pensionist sei viel unterwegs, er habe auch eine Zweitmeldung in Niederösterreich. "Die Vermieter wollen daraus Kapital schlagen. Eine Dame hat mich ausspioniert. Die Nachbarn wurden gefragt, ob ich das Haus verkaufen würde." Er sagt: "Es macht keinen Spaß, man fühlt sich verfolgt."