Wien. Taufen, Hochzeiten, mittlerweile auch schon Scheidungen: Alles wird zelebriert. Die Feiern sind bunt, ausgiebig, laut, unvergesslich. Wenn es um den Abschied eines Verstorbenen geht, eines geliebten Menschen, verstummt die Gesellschaft allerdings. Sie flüchtet sich in lähmende Stille und trägt die Farbe der Trauer: Schwarz.

Das muss nicht so sein, dachte die Wienerin Romana Maschek: "Der Tod muss nicht schwarz sein." Als ihre Eltern vor fünf Jahren beide überraschend starben, zuerst die Mutter, dann eine Woche danach der Vater, habe es ihr zunächst "den Boden unter den Füßen weggezogen", erzählt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Um diesen Schock, diese tiefe Trauer zu verarbeiten, musste sie "loslassen, um das Leben nicht in ewiger Dunkelheit zu verbringen", sagt sie. Dieses Loslassen gelang ihr, indem sie selbst anpackte: Da sie ohnehin keine Särge fand, in die sie ihre Eltern legen wollte, machte sie diese einfach selbst.

Farbenfrohe Muster stehen für die Innenverkleidung zur Auswahl. - © Stanislav Jenis
Farbenfrohe Muster stehen für die Innenverkleidung zur Auswahl. - © Stanislav Jenis

Eintägige Workshops

"Meine Eltern haben mir mein erstes Bett gestaltet - ich wollte ihnen ihr letztes machen", sagt Maschek. Während ein Kind in die Welt entlassen wird, um hier seine eigene Geschichte zu schreiben, so wollte Maschek ihren Eltern Erinnerungen an diese mit auf den Weg geben. Erinnerungen wie ein tiefes Weinrot, die Lieblingsfarbe der Mutter, die schließlich mit gelben Seidenblumen deren Sarg dominierte. Oder wie die Schicksale unzähliger Kitschromane, die die Mutter gern gelesen hatte, und deren Seiten auf den Sarg-Innenwänden klebten. Außen schrieb sich Maschek mit einem weichen Bleistift letzte Worte und ganze Absätze von der Seele, die sie ihrer Mutter noch gern gesagt hätte. Gespräche, die sie noch gern mit ihr geführt hätte.

Dadurch habe sie ihre Eltern guten Gewissens gehen lassen können, habe sie losgelassen, sagt Maschek - und wollte diese Möglichkeit auch anderen Betroffenen bieten. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit gründete die gelernte, heute 39-jährige Holzbauingenieurin daher gemeinsam mit der Polsterin Christine Nenning diesen Jänner das "SargAtelier" in Wien Ottakring. Dieses bietet eintägige Workshops an, bei denen - nach einem klärenden Erstgespräch - trauernde Angehörige gemeinsam einen Sarg für den Verstorbenen gestalten. Auch Auftragssärge sind möglich. Ein Gesamtpaket koste je nach verwendeten Materialien zwischen 2400 und 2600 Euro, sagt Maschek. Darin seien das klärende Erstgespräch, die Gestaltung des Sarges und auch die Überführung des fertigen Sarges zum Bestatter enthalten.

Ökologische Materialien

Das "SargAtelier" ist mehr "Atelier" als "Sarg". Es herrscht Wohnzimmeratmosphäre. Der Tod ist zwar allgegenwärtig, allein durch den Anblick zweier Ausstellungssärge gleich neben dem Eingang, und doch hat er nichts Bedrohliches an sich. Durch die weichen Stoffe und farbenfrohen Muster, die auf der zentralen Werkbank zu Pölstern und Überzügen verarbeitet werden, hat er seinen Schrecken verloren. An einer Wand hängen Fellreste, in einer Kochnische brodelt das Teewasser.

Für die Ausstattung der Krematoriumsärge aus unbehandeltem Weichholz, die sämtlichen Standards entsprechen und verbrannt oder eingegraben werden können, verwende sie ausschließlich ökologische Materialien, sagt Maschek. Der Kreativität seien dennoch keine Grenzen gesetzt: Von Abschiedsbriefen aus handgeschöpftem Papier, die in den Stoffbezug der Sargwand genäht werden, bis hin zu Kopfpölstern aus dem Lieblingstischtuch der Oma sei alles möglich.

Während der Workshops werde geredet, geschwiegen, gelacht, geweint. "Jeder bekommt den Raum und die Zeit, die er braucht", sagt Maschek. Dass sie selbst weiß, wie sich der Abschied von einem geliebten Menschen anfühlt, mache es vermutlich einfacher - um sich dennoch abzugrenzen, trage sie aber immer ihre jeansblaue Arbeitsschürze. Mit der Schürze ist sie Maschek, die Zuhörerin. Maschek, die Handwerkerin. Ihre eigenen Emotionen haben darin keinen Platz.

Von diesen geprägt hofft Maschek jedoch, dass der Tod eines Tages seiner dunklen Aura entfliehen wird. Dass das Abschiednehmen individueller wird. Beim Begräbnis ihrer Eltern habe sie auch nicht Schwarz getragen, "sondern den gelben Pulli mit den Pinguinen, weil Mom den so geliebt hat". Aus den Lautsprechern schallte der Countrysänger Willie Nelson - "für Dad".

Trauer ist freilich etwas ganz Persönliches, und jeder trauert auf seine Weise. Manche wollen und können gar nicht anders, als vorerst zu erstarren. Gerade deshalb solle es aber zumindest die Möglichkeit geben, so Maschek, in sich hineinzuhören und frei von gesellschaftlichen Zwängen auch einen Abschied für immer bunt, laut und unvergesslich zu zelebrieren, wenn es denn so sein soll.