Warschau. Die Bilder vom Vorjahr sollten vermieden werden. Die Feierlichkeiten zum polnischen Unabhängigkeitstag sollten besonders pompös ausfallen - immerhin handelt es sich um ein rundes Jubiläum. Am Sonntag begeht Polen den hundertsten Jahrestag der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit. Mit Gedenkfeiern, Konzerten, Kundgebungen. Doch eben die Märsche haben schon im Vorfeld Befürchtungen und Zwistigkeiten ausgelöst.

Denn im Vorjahr überschattete ein Auflauf rechtsextremer Demonstranten die Festivitäten. Tausende Menschen zogen unter ausländerfeindlichen Parolen durch die Warschauer Innenstadt. Die nationalkonservative Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit) hat den Marsch zwar nicht organisiert, sich aber nur halbherzig davon distanziert und antisemitische sowie xenophobe Aussagen als eine Tat weniger Provokateure abgetan.

Um eine Wiederholung solcher Ereignisse zu vermeiden, hat Warschaus Bürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Waltz, die der gemäßigt konservativen und mittlerweile oppositionellen Bürgerplattform (PO) angehört, den für Sonntag angesetzten Marsch verboten. Die Entscheidung wurde allerdings von einem Gericht in erster Instanz gekippt - und die Regierung hat prompt beschlossen, einen eigenen Marsch zu organisieren.

Dahinter schwelt ein längerer Zwist über die Deutungshoheit über Geschichte. Die beansprucht PiS für sich. Nach ihrem Wahlsieg vor drei Jahren ist die Partei von Jaroslaw Kaczynski nicht nur daran gegangen, Änderungen im Justiz-, Medien- und Bildungsbereich durchzusetzen. Sie will ebenso das polnische Geschichtsbild umbauen.

"Kampf und Martyrium"

Zu sehen ist dies unter anderem am Institut für nationales Gedenken (IPN), das in einem grauen, wuchtigen Plattenbau im Süden Warschaus untergebracht ist. Gegründet wurde die Einrichtung nach 1989, um die Verbrechen der Nationalsozialisten und der Kommunisten auf polnischem Boden aufzuklären. Doch kann sie aus PiS-Sicht auch andere Aufgaben übernehmen - für die Geschichtspolitik eben. Die Gelder des Instituts wurden aufgestockt, neue Abteilungen geschaffen.

An der Tür einer von ihnen steht "Büro für das Gedenken an Kampf und Martyrium". Drinnen ist die Wand mit Bildern und Orden übersäht, aber ganz in der Mitte hängt der Adler. Seine weißen Flügel, auf rotem Grund, sind weit gespannt. Am Schreibtisch darunter sitzt Büro-Direktor Adam Siwek und faltet seine Hände. Wenn er sich vorbeugt, wirkt es fast so, als würde er sich unter dem Adler, dem polnischen Wappen, ducken.