London/Belfast. Paramilitärische Gruppen, Hass zwischen Katholiken und Protestanten: Obwohl nur etwa eine Flugstunde von London entfernt, ist Nordirland wie eine andere Welt. Auch das macht die Brexit-Verhandlungen so schwer.

Paramilitärische Gruppen begehen Verbrechen

Die Täter klopften am Abend an dem Haus im nordirischen Londonderry. "Ich öffnete die Tür, sie drängten herein und schossen auf mich", berichtet Gerry Heaney. Die Kugeln drangen in die Knie, Knöchel und in einen Fuß. Nach draußen traue er sich nun nicht mehr, sagt der für immer gehandicapte 54-Jährige dem "Derry Journal". Die Verletzungen sind typisch für eine Vergeltungstat paramilitärischer Gruppen in Nordirland - das Opfer soll leiden.

Die Paramilitärs, ein Überbleibsel aus dem blutigen Bürgerkrieg, wollen auf diese Weise "antisoziales Verhalten" bestrafen, zum Beispiel Drogenhandel. Manchmal bestellen sie ihre Opfer in einen Park, wo die maskierten Männer warten. "Shooting by appointment" nennen die Nordiren das. Vor einer solchen "Verabredung" trinkt sich so mancher Mut an oder pumpt sich mit Beruhigungsmitteln voll.

"Die meisten trauen der Polizei nicht"

Wieso gehen die Bedrohten nicht einfach zur Polizei? "Die meisten hier trauen der Polizei doch nicht", brummt Michael Doherty. Daher versucht der Mediator, potenzielle Opfer vor den Paramilitärs in Londonderry zu schützen. Bringen die Gespräche mit beiden Seiten keinen Erfolg, gibt es nur einen Ausweg: die Flucht aus der Stadt. "Allein im letzten Jahr mussten 47 Menschen ihre Häuser auf Druck der Paramilitärs verlassen", sagt Doherty im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. "Letztlich stehen hinter solchen Gruppierungen politische Motive."

Probleme wie diese sind nicht typisch für Westeuropa. Aber Nordirland ist irgendwie anders - und das macht auch die Brexit-Verhandlungen so schwer. Am Montag kamen wieder die EU-Minister in Brüssel zusammen, um über den Stand der Gespräche zu beraten.

Stabiler Friede in Nordirland

Der vor über 20 Jahren mit dem Karfreitagsabkommen geschaffene Frieden in Nordirland ist fragil. Die katholischen Nationalisten streben immer noch eine Wiedervereinigung des Nordens mit der Republik Irland an, die der Europäischen Union auch nach dem Brexit weiter angehören wird. Die protestantischen Unionisten wollen weiter zu Großbritannien gehören, das der EU den Rücken kehrt. Paramilitärs führen sich nach wie vor wie ein Staat im Staat auf und warten möglicherweise nur auf eine erneute Eskalation des Nordirland-Konflikts. Grenzposten, wie sie wegen des Brexits befürchtet werden, wären das ideale Ziel für katholische Gruppen.

Vergeltung durch die Protestanten dürfte dann nicht lange auf sich warten lassen - und die Spirale offener Gewalt zwischen den beiden Gruppen wäre wieder in Gang gesetzt. Während des Nordirland-Konflikts wurden etwa 3.700 Menschen getötet, fast 50.000 verletzt und 500.000 gelten als psychisch traumatisiert.