München/Wien. Der "typische Seehofer" ist im bayerischen Sprachgebrauch schon lange fest etabliert. Beschrieben werden damit Handlungsmuster, bei denen das eine gesagt wird, aber das andere gemeint ist. Oder es wird etwas offen gelassen, das schon längst entschieden ist, um anschließend alles nonchalant zu relativieren. Und natürlich kann ein "typischer Seehofer" auch der eigentlich gar nicht so gemeinte Rücktritt sein, also der Rücktritt vom Rücktritt.

Einen solchen hat Horst Seehofer am Montag noch einmal vollzogen. Denn anders als viele das bei der internen Sitzung der CSU-Spitze am Sonntagabend verstanden haben, will der ehemals starke Mann Bayerns nun doch noch Innenminister in Berlin bleiben. Dieses Amt sei von seiner Entscheidung, den CSU-Vorsitz niederzulegen, in keiner Weise berührt, betont Seehofer während er im sächsischen Bautzen ein neues Fahndungs- und Kompetenzzentrum der Bundespolizei eröffnet.

Für Seehofer, der am Sonntag vor den einflussreichen CSU-Bezirkschefs noch erklärt hat, nicht zwingend am Amt des Innenministers festzuhalten, dürfte es allerdings der letzte Rücktritt vom Rücktritt gewesen sein. Denn mit der am Montag auch offiziell bestätigten Niederlegung des CSU-Vorsitzes ist Seehofer unweigerlich im Spätherbst seiner politischen Laufbahn angekommen, in dem seine Macht nicht mehr für taktische Winkelzüge reicht. Seinen Kopf in Berlin durchzusetzen ist Seehofer nur gelungen, weil er als CSU-Chef über genügend bundespolitisches Gegengewicht zu Kanzlerin Angela Merkel verfügt hat. Ohne den Rückhalt aus Bayern, wo ihn viele für die herben Verluste bei den Landtagswahlen im Oktober verantwortlich machen, ist der 69-Jährige nicht mehr als jeder andere Minister in Berlin, der von der Kanzlerin abberufen werden kann.

Nörgler kontra Volkstribun


Seehofers Karriere wird damit auf andere Art und Weise enden, als er sich das selbst vorgestellt hat. Denn dem Mann, der vor nicht allzu lange Zeit noch erklärt hat, er wolle nicht als derjenige in die CSU-Geschichtsbücher eingehen, der nach schlechten Wahlergebnissen vom Hof gejagt wird, passiert nun genau das: Zunächst wird Seehofer im Dezember von seinen Parteifreunden gezwungen, das Amt des Ministerpräsidenten für seinen Erzrivalen Markus Söder zu räumen. Nun - knapp ein Jahr später - muss er auch noch auf den CSU-Vorsitz verzichten, damit die Partei in wenigen Wochen auf einem Sonderparteitag einen Nachfolger bestimmen kann.

Dennoch kann Seehofer auf eine politische Laufbahn zurückblicken, die mit ihrer Fülle an Ämtern nahezu beispiellos in Deutschland sein dürfte. 1980 zieht der Sohn eines Lastwagenfahrers erstmals für die CSU in den Bundestag ein. Von 1992 bis 1998 dient der selbsternannte "Erfahrungsjurist" dann als Gesundheitsminister unter Helmut Kohl, in der ersten Koalition unter Merkel ist er Agrarminister. Seine große Stunde schlägt allerdings erst im Herbst 2008. Nach der dramatischen CSU-Wahlniederlage mit dem Verlust der absoluten Mehrheit wird Seehofer binnen weniger Tage Parteichef und Ministerpräsident. Mit ihm an der Spitze kann die CSU schließlich 2013 die absolute Mehrheit zurückerobern.