Brüssel. (apa/afp) Während in London über den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union weiter heftig gestritten wird, schaut man auch in Brüssel gespannt auf die neuesten Entwicklungen auf der Insel.

17 Monate lang hat Michel Barnier mit der britischen Regierung über den Brexit verhandelt. Ruhig, aber entschlossen führte der EU-Chefunterhändler die Austrittsgespräche, die nun zu einer Einigung auf Expertenebene geführt haben. Der 67-jährige Franzose scheint damit fast am Ziel, weiß aber auch um die politischen Unwägbarkeiten, die das Ergebnis seiner mühsamen Kompromisssuche zerstören können.

Als Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker den ehemaligen französischen Außen- und Agrarminister im Juli 2016 zum Brexit-Chefunterhändler machte, sahen das viele jenseits des Ärmelkanals als Affront. Denn während seiner Zeit als EU-Binnenmarktkommissar (2010 bis 2014) hatte der Konservative versucht, als Reaktion auf die Finanzkrise eine stärkere Regulierung der Bankenbranche durchzusetzen - ein rotes Tuch für die Briten und ihre mächtige Londoner City.

Zankapfel
Nordirland-Irland-Grenze

Ein Jahr nach dem Austrittsreferendum in Großbritannien setzte sich Barnier am 19. Juni 2017 mit dem damaligen Brexit-Minister David Davis erstmals an einen Tisch, um ein Abkommen für einen geordneten EU-Austritt auszuhandeln. Das erklärte Zieldatum für einen Abschluss war damals Oktober 2018, weil die Parlamente auf beiden Seiten mehrere Monate zur Ratifizierung benötigen.

Schritt um Schritt kamen die Verhandlungsführer in den darauffolgenden Monaten voran: Sie einigten sich auf die künftigen Rechte der EU-Bürger in Großbritannien und der Briten auf dem Kontinent, die Finanzverpflichtungen Londons, eine Übergangsphase nach dem Austrittsdatum am 29. März 2019 und viele weitere Fragen des schwierigen Scheidungsprozesses.

Barnier war dabei nicht ständig an vorderster Front in den Verhandlungen. Der Ex-Minister sprach mit Politikern, Wirtschaftsbossen und den Staats- und Regierungschefs und war für die größeren Zusammenhänge zuständig. Seine deutsche Stellvertreterin Sabine Weyand und Experten der Kommission kümmerten sich um die komplizierten technischen und juristischen Details.

Sondergipfel schon
im November?

Im Sommer 2018 konnte Barnier vermelden, dass der Austrittsvertrag zu 80 Prozent fertig sei. Doch da stockten die Verhandlungen längst wegen der komplizierten Frage der künftigen Grenze zwischen der britischen Provinz Nordirland und dem EU-Mitglied Irland.

Beide Seiten haben versprochen, eine "harte Grenze" mit wiedereingeführten Kontrollen zu vermeiden, um ein Wiederaufflammen des Nordirland-Konflikts zu verhindern. Doch das erwies sich als Ziel, das sich eigentlich nicht mit den britischen Austrittswünschen auf einen Nenner bringen lässt. Brexit-Hardliner Davis warf das Handtuch, als Premierministerin Theresa May im Juli vorschlug, notfalls einen Verbleib von ganz Großbritannien in einer Zollunion mit der EU zu akzeptieren. Auch unter dem neuen Brexit-Minister Dominic Raab ging dann über Monate nichts voran. Barnier blieb nichts übrig, als auf den wachsenden Zeitdruck zu verweisen. "The clock is ticking" ("Die Uhr tickt") war seine Standardmahnung Richtung London.

Schlucken die Skeptiker in Mays Regierung den Austrittsdeal, kann Barnier einen Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union empfehlen, der seine Arbeit der vergangenen eineinhalb Jahre gutheißen müsste.

Am 25. November könnte der Deal abgesegnet und er Austritt aus der EU gebilligt werden. Allerdings äußerte sich ein Sprecher der EU-Kommission am Mittwoch zurückhaltend zu den "Presseberichten" über die Einigung und sprach von einem "laufenden Prozess".