London/Wien. Der britischen Premierministerin Theresa May sind die Strapazen der letzten Stunden ins Gesicht geschrieben. Als sie am Donnerstag vor die Medien trat, wirkte sie müde. Die endlosen Streitigkeiten um den Brexit-Deal, die Marathonsitzungen und die Parlamentsdebatten haben ihre Spuren hinterlassen.

Die Regierungschefin ist angeschlagen, aber sie will kämpfen. Immerhin steht das Kabinett - oder das, was von der britischen Regierung noch übrig ist - hinter ihr. Entweder, es werde jetzt nach ihren Regeln gespielt oder es gebe gar keinen Brexit, hatte May am Donnerstag in Downing Street 10 gedroht. Wenig später warfen vier Regierungsmitglieder das Handtuch. Den Anfang machte Brexit-Minister Dominic Raab. Er könne die Vereinbarung nicht mittragen. Vor allem die Passagen über den künftigen Status von Nordirland seien indiskutabel, sagte er.

Dann nahm die Brexit-Staatssekretärin Suella Braverman wütend ihren Hut. Das, was da jetzt mit der EU vereinbart worden sei, habe mit einem Brexit nichts gemein, schieb Braverman in einem per Twitter versandten offenen Brief. Das sei nicht das, wofür man sich im Juni 2016 bei der Volksabstimmung entschieden habe. Mit der gleichen Begründung nahmen Arbeitsministerin Esther McVey und der Nordirland-Staatssekretär Shailesh Vara ihren Abschied.

Politischer Paukenschlag

Der Rücktritt Raabs kommt einem politischen Paukenschlag gleich. Mit ihm ist der zweite Brexit-Minister in Folge abtrünnig geworden - erst vor wenigen Monaten sagte David Davis "Goodbye".

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Hier wird das ganze Fiasko, in das sich Großbritannien mit voller Fahrt nach 2016 hineinmanövriert hat, deutlich. Umweltminister und Brexit-Befürworter Michael Gove, der Raabs Nachfolge antreten soll, weigerte sich, den Job zu übernehmen. Stattdessen spielt Gove offen mit dem Gedanken, selbst zurückzutreten.

Noch hat es May mit passiven Widerstand zu tun. Es gibt aber Berichte, dass ihr eine Meuterei ins Haus steht. Britische Medien verweisen auf Informationen aus Tory-Kreisen, wonach ein Sturz Mays erwogen wird. Für einen Misstrauensantrag wären die Stimmen von 48 Tory-Parlamentariern notwendig. Ein derartiges Votum wird dann schlagend, wenn es von mehr als 15 Prozent der konservativen Abgeordneten per Brief gefordert wird. Mittlerweile haben sich bereits 80 konservative "Brexiteers" zusammengerottet, die zum Teil ganz offen zu einer Palastrevolution aufrufen. Wie etwa die Abgeordnete Nadine Dorries.

Zu den Anführern der Aufständischen zählen Ex-Außenminister Boris Johnson und der stets etwas steif wirkende konservative Abgeordnete Jacob Rees-Mogg. Der Multimillionär gilt als gefährlichster Widersacher Mays und hat ihr am Donnerstag persönlich das Misstrauen ausgesprochen.