London. Die Stimmung in der britischen Wirtschaft ist so schlecht wie seit mindestens neun Jahren nicht mehr. Wie die am Montag vorgelegte Untersuchung des Datenanbieters IHS Markit zeigt, erwarten nur noch 32 Prozent der Firmen eine anziehende Geschäftstätigkeit in den nächsten zwölf Monaten. Der Grund dafür ist klar: der Brexit.

Viele Wirtschaftstreibende drängen daher auf einen geordneten Austritt aus der EU. Der größte britische Wirtschaftsverband CBI warnte vor einem Scheitern des Abkommens, das die britischen Vertreter mit der EU ausverhandelt haben. Gegen den Brexit-Deal laufen nun große Teile des britischen Parlaments Sturm, und dieser hat eine Revolte innerhalb der konservativen Tories gegen ihre Vorsitzende, Premierministerin Teresa May, ausgelöst. "Während andere Länder an ihrer künftigen Wettbewerbsfähigkeit arbeiten, scheint unser Nervenzentrum hier, Westminister, in seiner eigenen kleinen Welt zu leben", kritisierte CBI-Generaldirektorin Carolyn Fairbairn beim Jahrestreffen des Verbandes. "Man spielt offenbar ein riskantes Spiel mit hohem Einsatz, das versehentlich in einem ungeregelten Brexit enden könnte." CBI-Präsident John Allen bezeichnete den Brexit gar als "Abrissbirne" für die britische Wirtschaft.

"Albtraumhafter Abgrund
eines Nicht-Vertrags"

Fairbairn stellte sich hinter den Brexit-Deal. "Er ist nicht perfekt, er ist ein Kompromiss, aber er ist ein hart erkämpfter Fortschritt", sagte sie. Der Deal und vor allem seine Übergangsperiode entferne das Vereinigte Königreich einen Schritt vom "albtraumhaften Abgrund eines Nicht-Vertrags".

Dass der Wirtschaftsverband hinter May steht, zeigte sich auch sich in dem lange anhaltenden, lauten Applaus nach deren Rede bei dem Treffen. "Die Welt mag sich rasant ändern, aber unsere Geografie wird dies nicht tun: Europa wird immer unser nächster Absatzmarkt sein, und es ist daher entscheidend, dass wir einen freien Warenverkehr über die Grenzen haben", mahnte sie.

Die Unterstützung durch die Wirtschaft änderte aber nichts daran, dass May in ihrer eigenen Partei weiter schwer in der Kritik steht. Der Tag der Abrechnung sei gekommen, sagte ihr parteiinterner Gegner Simon Clarke der BBC. "Wenn wir mit diesem Plan weitermachen, werden wir schlicht keine Regierung mehr haben, denn er stellt eine so große Bedrohung für die Einheit des Landes dar, dass unsere Kollegen der (nordirischen) DUP das einfach nicht hinnehmen werden."

Clarke zählt zu den Abgeordneten, die ein Misstrauensvotum gegen May beantragt haben. Einem Bericht des Boulevardblattes "Sun" zufolge fehlen Mays Gegnern noch sechs Stimmen für ein Misstrauensvotum. 42 Abgeordnete der Konservativen Partei hätten sich bereits hinter die Forderung nach einer solchen Abstimmung gestellt.

Doch auch wenn es zu einem solchen Votum kommt, stehen Mays Chancen gut, es zu überstehen: Angeblich steht eine Mehrheit der konservativen Abgeordneten hinter ihr. Das heißt aber nicht, dass sie den Brexit-Vertrag durch das Parlament bringt. Denn ihre innerparteilichen Rivalen plus die DUP-Abgeordneten würden wohl dagegen stimmen. May wäre dann auf Oppositionsabgeordnete angewiesen.

Und vielleicht muss May auch bald wieder ihre Regierungsmannschaft umstellen. Eine Fünfer-Gruppe leidenschaftlicher Brexiteers, angeführt von der Ministerin für Parlamentsfragen, Andrea Leadsom, hatte mit kollektivem Rücktritt gedroht, sollte es keine Nachverhandlungen mit der EU geben. Doch davon will Brüssel nichts wissen. Und May eigentlich auch nicht.