Wien. Es ist ein gewöhnliches Mietshaus. Fünf Geschosse Altbau, graue Fassade, weiße Kunststofffenster. Trotzdem ist das Haus in der Zossener Straße 48 heiß begehrt. Denn die Zossener Straße liegt im Herzen Kreuzbergs. Und Kreuzberg ist das wohl angesagteste Pflaster Berlins. Breite Straßen, Kneipen, Latte-Macchiato-Shops an jeder Ecke. Investoren gieren nach den Immobilien im Bezirk. Auch das gewöhnliche Mietshaus sollte verkauft werden. Die Verträge lagen schon am Tisch. Die Mieter bangten um ihre Wohnungen. Doch dann kam Florian Schmidt und vereitelte den Verkauf – wieder einmal.

"Wohnungen sind keine Ware internationaler Spekulanten", sagt Schmidt und streift sich über den struppigen Vollbart. In Turnschuhen und abgetragenem Cord-Sakko wirkt er wie der Teilnehmer einer Antifa-Demo. Doch Schmidt ist seit zwei Jahren grüner Baustadtrat im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Den Investoren hat er seitdem den Kampf angesagt. Sein Ziel: Den Bezirk vor dem Ausverkauf retten.

Berlin ist ein Schlaraffenland für Immobilienentwickler und Investoren. Sie kaufen ganze Viertel schöner Altbaubestände, Zinshäuser, Neubauten. Alles, was sie kriegen können. Vor allem Schmidts Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wurde in den vergangenen Jahren zum Supermarkt für Spekulanten. Trotz Preissprüngen sind die Häuser hier noch immer vergleichsweise günstig. Die Immobilien wechseln die Eigentümer, werden modernisiert und um ein Vielfaches des ursprünglichen Zinses weitervermietet oder teuer verkauft.

Im ganzen Bezirk dröhnen Schremmhämmer und Bohrmaschinen. Kaum ein Straßenzug, in dem kein Baustellengerüst steht. Das macht den alteingesessenen Kreuzbergern Angst. Sie fürchten aus ihrem Kiez verdrängt zu werden. Fast jeder kennt jemanden, der wegziehen musste. Der durchschnittliche Mietpreis liegt bereits bei 13 Euro pro Quadratmeter. Vor zehn Jahren war es noch die Hälfte.

Die Kreuzberger haben Angst aus ihrem Kiez verdrängt zu werden. Spekulanten kaufen ganze Viertel. Fast jeder kennt jemanden, der wegziehen musste. - © GettyImages, Emmanuele Contini
Die Kreuzberger haben Angst aus ihrem Kiez verdrängt zu werden. Spekulanten kaufen ganze Viertel. Fast jeder kennt jemanden, der wegziehen musste. - © GettyImages, Emmanuele Contini

Der "Robin Hood der Mieter"

Diese Entwicklung will Schmidt stoppen. Er ist mit dem Versprechen angetreten, den Kreuzbergern ihren Bezirk zurückzugeben. Die Mittel, mit denen Schmidt das Versprechen einlöst, haben ihn über die Grenzen Berlins hinaus bekannt gemacht. Die lokale Presse nennt ihn den "Robin Hood der Mieter". Seine stärkste Waffe ist nicht Pfeil und Bogen, sondern das sogenannte Vorkaufsrecht.