Tiflis. (afp/dpa) An Salome Surabischwili scheiden sich in Georgien die Geister. Sie sagte einmal, ihr Temperament sei hitzig. Sie schaffe "ständig Probleme aus heiterem Himmel", schrieben georgische Medien. So legte sich die 66-Jährige mit der georgisch-orthodoxen Kirche an und wurde als "Cannabis-Königin" tituliert, weil die Regierungspartei Marihuana für den Export anbauen wollte. Trotzdem hat Surabischwili die Wahl am Mittwoch gewonnen und wird erste Präsidentin des Landes am Schwarzen Meer. Sie setzte sich in der Stichwahl mit knapp 60 Prozent gegen Grigol Waschadse durch.

Eltern flohen nach Paris


Die Wahlsiegerin hat eine ungewöhnliche Biografie: Sie ist die Tochter von Georgiern, die 1921 nach Paris geflohen waren - "wegen der russischen Aggression nach der ersten Unabhängigkeit Georgiens 1918", sagt Surabischwili. In Frankreich war sie im diplomatischen Dienst, vertrat das Land bei der Nato, der UNO und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. 2003 ging sie als Botschafterin in die georgische Hauptstadt Tiflis. Schon ein Jahr später stellte Paris sie vom Diplomatendienst frei, danach wechselte sie ins georgische Außenministerium.

Der damalige Präsident Micheil Saakaschwili holte Surabischwili in die georgische Politik und machte sie zur Chefdiplomatin. Doch nach nur einem Jahr zerstritten sich die beiden, und Surabischwili wurde zu einer scharfen Kritikerin von Saakaschwili.

Bei der nunmehrigen Präsidentschaftswahl ging die Mutter zweier Kinder als unabhängige Kandidatin ins Rennen, unterstützt von der Regierungspartei Georgischer Traum. Waschadse, ihr Konkurrent in der Stichwahl, wurde von der früheren Regierungspartei Vereinte Nationale Bewegung unterstützt - der Gruppierung Saakaschwilis.

Waschadse hatte im Wahlkampf angekündigt, im Falle eines Wahlsieges Saakaschwili zu begnadigen. Bis zu 90.000 Menschen demonstrierten daraufhin gegen eine mögliche Rückkehr des umstrittenen Ex-Präsidenten an die Macht. Saakaschwili war wegen Amtsmissbrauchs zu sechs Jahren Haft verurteilt worden und lebt nun in den Niederlanden.

"Das Land hat heute eine grundsätzliche Entscheidung getroffen. Wir alle sagten endgültig und entschieden Nein zur Vergangenheit", sagte Surabischwili nach ihrem Wahlsieg. Sie strebt eine Mitgliedschaft in EU und Nato an. Nun wolle sie den Dialog mit denjenigen suchen, die nicht für sie gestimmt hätten, sagte sie im TV-Sender Rustawi 2. Lediglich 56 Prozent der stimmberechtigten 3,5 Millionen Georgier gingen zur Stichwahl.

Waschadses Vereinte Nationale Bewegung führte Manipulationsvorwürfe ins Treffen. Unmittelbar nach Bekanntgabe des Ergebnisses rief Saakaschwili zu Massendemonstrationen gegen seine frühere Außenministerin auf, später kündigte auch Waschadse eine Kundgebung an, die am Sonntag in Tiflis stattfinden soll. Er forderte zudem eine vorgezogene Parlamentswahl.

Wahlgang mit Mängeln


Die unabhängigen Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa kritisierten Mängel im Wahlkampf. Zwar sei der Wettbewerb der Kandidaten gewährleistet gewesen, erklärte die Organisation am Donnerstag in Tiflis. Im Wahlkampf sei aber ein Missbrauch staatlicher Ressourcen festgestellt worden, welcher der Regierungskandidatin zu einem "unangemessenen Vorteil" verholfen habe. Surabischwili erklärte ihrerseits, sie und ihre Kinder hätten Morddrohungen erhalten.

Unabhängig vom Ausgang der Kontroverse wird es einen Wahlkampf wie diesen nicht mehr in Georgien geben. Künftig wird das Staatsoberhaupt nicht mehr direkt gewählt, ein Wahlmännergremium übernimmt die Aufgabe. Das Staatsoberhaupt wird dann nur noch fünf statt sechs Jahre amtieren und vor allem repräsentative Aufgaben haben.