Für den Fall, dass die Briten doch in der Europäischen Union bleiben wollen, können sie die Entscheidung zum Brexit einseitig zurückziehen - die Zustimmung der verbliebenen 27 Mitgliedstaaten brauchen sie dafür nicht. Das hat der Generalstaatsanwalt des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), Manuel Campos Sanchez-Bordona, am Dienstag verkündet. In London befeuert die Nachricht die ohnehin schon hitzige Debatte über den Brexit - und mögliche Auswege daraus.

1. Könnte das aktuelle Rückzug-Szenario der von vielen gewünschte Exit vom Brexit sein?

Theoretisch, ja. Die Abgeordneten im britischen Unterhaus könnten nun Artikel 50 zum Austritt aus der EU auch ohne ein neues Referendum zurückziehen. Doch das ist unwahrscheinlich: Auch, wenn das Brexit-Referendum im Juni 2016 nicht bindend war, so hat sich doch eine Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU ausgesprochen.

2. Also ist das Gutachten des EU-Gerichts obsolet?

Es wirkt sich trotzdem auf die Debatte in Großbritannien aus. Das Gutachten bläst Wind in die Segel des "Remain"-Lagers, denn bisher hat die Regierung in London so getan, als gebe es diese Option gar nicht. Folgen die Richter des EuGH dem Gutachten des Anwalts (was sehr wahrscheinlich ist), so gilt das für das Anti-Brexit-Lager als Beweis dafür, dass ein Rückzug vom EU-Austritt viel einfacher ist, als die Regierung das bisher glauben machen wollte. "Es gibt jetzt einen Ausweg aus dem Brexit-Chaos", sagt Alyn Smith, ein Abgeordneter der schottischen Nationalpartei SNP, die den Fall ins Rollen gebracht hat. "Ein helles Licht über dem ,Exit‘-Schild leuchtet auf und die falschen Optionen, die den Abgeordneten angeboten werden - entweder Frau Mays desaströser Deal oder totales Chaos -, zeigen sich als das, was sie sind: ein Missbrauch des Parlaments."

Das Urteil liefert aber nicht nur Argumente gegen das von Premierministerin Theresa May ausgehandelte Abkommen mit Brüssel. Denn für die Hardliner unter den Brexiteers ist ein Exit vom Brexit das größte Übel - und die Umsetzung von Mays Plan würde zumindest sicherstellen, dass das Königreich die EU auch wirklich verlässt.

3. Was sieht diese Vereinbarung vor und wer entscheidet darüber?

Seit gestern debattieren die Abgeordneten im britischen Unterhaus über das Abkommen, am kommenden Dienstag gelangt es dann zur Abstimmung. May will ihren Plan zum EU-Austritt auf jeden Fall durchsetzen. Befürworter des Abkommens bewerben es als geringeres Übel: Zunächst sieht es eine Übergangsphase bis Ende 2020 vor, in der sich de facto fast nichts ändert. London würde Zeit gewinnen, um weiter mit Brüssel über die künftigen Beziehungen zu verhandeln. Zahlen müsste Großbritannien weiterhin, mitreden dürfte es nicht mehr.