"Wiener Zeitung": Sie waren eben in Marrakesch, wo der UN-Migrationspakt angenommen wurde. Einige EU-Länder, darunter Österreich, haben ihn nicht unterschrieben. Wie stand die Europäische Union da am Tag der Menschenrechte?

Jean Asselborn: Nicht sehr ehrenwert. Es ist beschämend, dass hier fast ein Drittel der europäischen Länder ausgeschert sind. Das eine sind Regierungen, die am liebsten mit Stacheldraht gegen Migration vorgehen. Dann gibt es noch jene, die vielleicht kleinere Parteien in ihrer Koalition haben, die sie erpresst haben. Das sah man vor allem in Belgien.

Dort hat sich die Nationalistenpartei Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA) gegen den Migrationspakt ausgesprochen. Weil der liberale Premierminister Charles Michel ihn dennoch unterzeichnete, verließ die N-VA die Regierungskoalition.

Österreich ist als Land, das derzeit den EU-Ratsvorsitz hält, im Migrationspakt ausgeschert - andere Länder in der EU sind dem Beispiel gefolgt. Belgien hatte dem Pakt zugestimmt, als Kurz und Strache den Schritt gemacht haben, hat die N-VA Aufwind bekommen und es auf eine Regierungskrise ankommen lassen. Wir verlieren so unsere Seele als Europäische Union. Wenn man die Solidarität und die europäische Souveränität den nationalen Interessen unterordnet, dann sind wir auf dem falschen Weg.

Sie kritisieren gern und polarisieren stark. Mitunter werden Sie von anderen Politikern beschimpft. Ist der Ton rauer geworden?

Ja. Man muss dennoch klar auf jene Politiker und Parteien zeigen, die nichts verstanden und nichts gelernt haben aus dem 20. Jahrhundert. Die das Nationale fördern und übersehen, dass die Welt nur zur Ruhe kommen kann, wenn die internationale Kooperation funktioniert.

Sie sind seit 15 Jahren Außenminister. Was hat sich geändert?

Es hat sich Fundamentales geändert. Man muss um die Demokratie kämpfen. Die Europäer sind heute gefordert wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Zum Beispiel der Brexit - ein großes, wichtiges Volk hat erklärt, sich von Europa befreien zu wollen. Dieses Wort ist gefallen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Ziel, Kriege zu verhindern, man berief sich auf die Grundrechte der Menschen. Heute sehen wir auch in Österreich das Europa der Nationen. Dabei will keiner in Europa die Nationen abschaffen! Wenn man aber die nationalen Interessen über die europäische Souveränität und Solidarität setzt, dann sind wir wieder da, wo wir schon einmal waren, nämlich in den 1930er Jahren.