London/Brüssel. Es ist eine schwierige Gratwanderung für die EU-27. Die Staats- und Regierungschefs wollen Theresa May entgegenkommen, damit die britsche Premierministerin den Austrittsvertrag mit der Union doch durch das Londoner Unterhaus bringt. "Es geht nicht darum, Maximalpositionen durchzuboxen, sondern eine Regelung zu finden, die für beide Seiten die bestmögliche ist", sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz am Donnerstag vor Beginn des EU-Gipfels in Brüssel.

Einig sind sich die verbleibenden 27 Länder allerdings auch darin, dass der über zwei Jahre ausverhandelte Austrittsvertrag nicht mehr aufgeschnürt wird. Darin befindet sich jedoch der Hauptkritikpunkt von Mays Gegenspielern im eigenen konservativen Lager: der "Backstop". Um eine harte Zollgrenze zwischen dem zum Königreich gehörenden Nordirland und dem EU-Mitglied Irland zu vermeiden, sind die Briten bis zum Abschluss eines Abkommens an die Zollunion mit der EU gebunden. Solange Großbritannien Teil der Zollunion ist, kann es mit anderen Weltregionen lediglich neue Handelsverträge über Dienstleistungen und Investitionen schließen - aber nicht über den Warenverkehr. Die strammen EU-Gegner wollen daher den ungeordneten EU-Austritt Großbritanniens am 29. März 2019.

Bei Ukraine-Abkommen erprobt

Dieses Szenario wollen sowohl May als auch die EU-27 vermeiden. Daher tüfteln in Brüssel und London die Experten, welche Zugeständnisse an die Premierministerin möglich sind. Um den Austrittsvertrag unberührt zu lassen, kursiert die Idee einer zusätzlichen Erklärung. Die Politologin Melanie Sully erinnert im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" daran, dass ein Zusatzprotokoll bereits bei einem anderen schwierigen Fall angewandt wurde: dem EU-Assoziierungsvertrag mit der Ukraine. 2016 sprachen sich die Niederländer in einer Volksabstimmung - sie war von innenpolitischen Motiven überlagert - gegen den Pakt aus. Die Regierung in Den Haag schrieb daraufhin per Zusatzprotokoll unter anderem fest, dass die Ukraine aufgrund des Assoziierungsvertrags kein Recht auf eine EU-Mitgliedschaft habe. Die übrigen 27 EU-Länder akzeptieren das Protokoll, worauf es vom niederländischen Parlament gebilligt wurde.

Wohl nicht zufällig machte May bei ihrer dieswöchigen Werbetour durch Europa als Erstes in den Niederlanden Station. Und Premier Mark Rutte sprach sich am Donnerstag für eine "Entmystifizierung" der umstrittenen Backstop-Frage aus.