Istanbul/Ankara. Ein Gericht in der türkischen Hauptstadt Ankara hat einen Neffen des islamischen Predigers Fethullah Gülen zu sieben Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Die türkische Regierung macht Gülen für den Putschversuch von 2016 verantwortlich. Seinem Neffen Selman Gülen sei wegen "Mitgliedschaft in einer Terrororganisation" der Prozess gemacht worden, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Dienstag.

Selman Gülen hatte die Anschuldigungen demnach zurückgewiesen und angegeben, er sei seinem Onkel nur einmal im Leben begegnet. Er erhob den Vorwurf, nur wegen des Verwandtschaftsverhältnisses angeklagt worden zu sein.

Seit dem Putschversuch greift die Regierung gegen angebliche Terrorverdächtige und Regierungskritiker hart durch. Im Laufe des Dienstags wurden mindestens 70 weitere Menschen wegen angeblicher Verbindungen zu den Putschisten festgenommen, wie Anadolu am Abend berichtete. Unter ihnen seien aktive Soldaten, ehemalige Lehrer und ehemalige Polizisten.

Erst am Montag hatten Staatsanwälte in drei Provinzen mindestens 111 Menschen zur Fahndung ausgeschrieben und im Lauf der Razzien Dutzende Menschen inhaftiert, unter ihnen viele Soldaten. Zwischen dem 10. und dem 17. Dezember allein sollen laut einer am Montag veröffentlichten Stellungnahme des Innenministeriums 421 Menschen wegen angeblicher Gülen-Kontakte festgenommen worden sein.

Insgesamt sind nach offiziellen Zahlen von Mitte November seit 2016 rund 218.000 Menschen kurz- oder längerfristig in Gefängnissen gelandet. Mehr als 140.000 Menschen wurden aus dem Staatsdienst entlassen. Die international scharf kritisierten Maßnahmen treffen auch Akademiker, Menschenrechtler und Journalisten.