London. Am Montag kehren die in Sachen Brexit völlig zerstrittenen Parlamentarier aus ihrem Weihnachtsurlaub zurück. Sie sollen in der dritten Jännerwoche - möglicherweise am 15. - über das von Premierministerin Theresa May mit Brüssel verhandelte Austrittsabkommen abstimmen. Eine neuerliche Verschiebung schließt May aus. Doch eine Mehrheit ist immer noch nicht in Sicht. Bei einem Brexit ohne Abkommen am 29. März drohen Großbritannien chaotische Verhältnisse.

Angesichts des bevorstehenden Brexits ist die Zahl der Briten, die die Staatsbürgerschaft eines anderen EU-Landes annehmen, erheblich gestiegen. Das gilt beispielsweise für Einbürgerungen in Deutschland, Irland, Portugal und vielen weiteren Ländern. Entsprechende Anträge von Briten sind in vielen Staaten sprunghaft gestiegen, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. Unter den Antragstellern sind junge Familien ebenso wie Pensionisten.


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Einbürgerungen auf Rekordniveau

In Deutschland liegen die Einbürgerungen von Briten auf Rekordniveau: 2017 erhielten rund 7.500 Briten die Staatsbürgerschaft. Im Jahr 2015 waren es nur 622 gewesen. 2016 - im Jahr des Brexit-Votums - kletterte die Zahl schon auf 2865. Die Briten nahmen 2017 in dieser Rangliste den zweiten Platz ein, mehr Eingebürgerte kamen nur aus der Türkei. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten Ende 2017 etwa 116.000 Briten in Deutschland. Informationen darüber, wie viele Personen insgesamt sowohl die deutsche als auch die britische Staatsangehörigkeit besitzen, lagen nicht vor.

Auffällig ist auch, dass fast jeder zehnte eingebürgerte Brite 2017 gar nicht in Deutschland lebte - das ist nach Angaben des Statistischen Bundesamtes der mit Abstand höchste Anteil aller EU-Staaten. Bei diesen Briten mit deutschen Pässen handelt es sich überwiegend um Menschen, die vor den Nazis nach Großbritannien fliehen mussten, und um deren Nachkommen. Sie können nach dem Grundgesetz die deutsche Staatsbürgerschaft wieder einfordern. Nach Angaben des deutschen Bundesverwaltungsamtes gingen im Jahr 2015 noch 43 solcher Einbürgerungsanträge aus Großbritannien ein - 2017 dann schon 1667.

Aus Briten werden Iren

Auch das Interesse an irischen Pässen ist seit dem Brexit-Votum ebenfalls deutlich gestiegen. Das begehrte Dokument ist auch relativ leicht zu bekommen, wenn man irische Wurzeln hat. Es reicht schon, wenn nur der Opa oder die Oma in Irland geboren wurden, aber der Betroffene selbst und seine Eltern nicht. Nach Angaben der Regierung in Dublin gab es im vergangenen Jahr rund 183.000 Anträge auf einen irischen Pass aus Großbritannien. Rund 85.000 davon kamen aus Nordirland. Dort Geborene haben grundsätzlich Anspruch auf beide Pässe. Gut 98.000 Anträge stammten aus dem restlichen Großbritannien - ein Anstieg von 22 Prozent im Vergleich zu 2017.

Im Pensionistenparadies Spanien gibt es - anders als in vielen anderen europäischen Ländern - keinen echten Run von Briten auf einen Reisepass des EU-Staates. In Spaniens kleinerem Nachbarland Portugal schoss die Zahl der Anträge von 62 im Jahr 2015 auf rund 500 in den ersten elf Monaten des Jahres 2018 hoch. Dort dürfen die Briten ihren britischen Pass behalten, auch wenn sie Portugiesen werden.

Bulgarien lockt britische Staatsbürger

Rund 40.000 Briten haben sich nach inoffiziellen Angaben in Bulgarien niedergelassen. Viel Sonne und billig - das ärmste EU-Land ist vor allem bei Pensionisten beliebt. Nach dem Brexit-Votum bot Regierungschef Bojko Borissow den in dem südosteuropäischen Land lebenden Briten an, die bulgarische Staatsangehörigkeit zu beantragen. Es liegt aber noch keine Statistik darüber vor, wie viele von ihnen von dem Angebot Gebrauch gemacht haben.

Nach Angaben einer Sprecherin der Initiative British in Italy, die sich nach der Brexit-Abstimmung gegründet hat, leben rund 65.000 Briten in Italien. "Es ist sicher, dass es einen beträchtlichen Anstieg von Briten gibt, die eine italienische Staatsbürgerschaft beantragt haben." Offizielle Zahlen seien aber kaum zu bekommen. Auch der britische Schauspieler Colin Firth nahm die italienische Staatsbürgerschaft an. Seine Frau ist Italienerin.

Mehr Austro-Briten als je zuvor

Wie in anderen EU-Ländern ist auch in Österreich ein deutlicher Anstieg bei den Einbürgerungen von Briten zu erkennen, allerdings auf niedrigem Niveau. Zwischen 2007 und 2014 wurden laut Statistik Austria jedes Jahr zwischen drei und sieben Briten eingebürgert. 2015 (dem Jahr der Ankündigung des Brexit-Votums) und 2016 (dem Jahr des Referendums) waren es jeweils zehn. Im Jahr 2017 waren es 24, in den ersten drei Quartalen 2018 sogar 31.

Allerdings ist das weiterhin nur ein Bruchteil der rund 10.700 Briten, die in Österreich leben. Österreich zählt zu den EU-Staaten mit den restriktivsten Einbürgerungsgesetzen, auch wenn es für EU-Bürger Erleichterungen gibt. Sie erwerben bereits nach sechs Jahren rechtmäßigem und ununterbrochenem Aufenthalt in Österreich einen Rechtsanspruch auf die Verleihung der Staatsbürgerschaft. Ähnliche Anstiege mit zweistelligen absoluten Zahlen wie Österreich melden Polen, Tschechien und Griechenland.