Kiew. Während drinnen Geschichte geschrieben wird, gibt es draußen Public Viewing. Es ist bitterkalt, minus sieben Grad und dichter Schneefall, aber vor der Videowall auf dem Kirchenvorplatz haben sich schon am Morgen einige Hartgesottene versammelt. Sie ziehen sich ihre Mützen und Schals tief ins Gesicht, zücken ihre Handys und Kameras, während aus den Boxen die ersten Chorgesänge donnern und an den Ständen die heißen Glühweintöpfe in den Himmel dampfen.

Es war kein gewöhnliches orthodoxes Weihnachtsfest, das heuer in der Kiewer Sophienkathedrale gefeiert wurde. Am Wochenende wurde in Istanbul das Dokument zur Unabhängigkeit der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche, das sogenannte "Tomos", vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus unterzeichnet. Am Sonntag wurde die Bulle während des Gottesdienstes in der Kiewer Kathedrale schließlich - medienwirksam im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen - präsentiert. "Heute feiern wir unsere kirchliche und geistliche Unabhängigkeit", donnern die Worte des Metropoliten Epiphanius und Kirchenoberhauptes durch die Lautsprecher auf dem Vorplatz. "Ich danke Gott, dem Patriarchen Bartholomäus und dem Präsidenten Petro Poroschenko."

Das Oberhaupt der neuen Kirche, Patriarch Epiphanius. - © afp/Supinsky
Das Oberhaupt der neuen Kirche, Patriarch Epiphanius. - © afp/Supinsky

Ein geschichtsträchtiger Augenblick, freut sich die Buchhalterin Jelena Tatjana, lila Kunstpelzmantel und lila Kunstpelzmütze, die sich vor der Videowall fotografieren lässt. Später will sie ihrer Enkelin mit dem Foto beweisen, dass sie an diesem Tag dabei war. "Wir haben so lange auf dieses Ereignis gewartet. Als unabhängiges Land sollten wir auch eine unabhängige Kirche haben." "So etwas erlebt man ja nicht alle Tage", sagt auch Grigorij Meson, ein Lehrer aus dem Kiewer Umland, seine Frau Ljudmilla untergehakt. Später wollen sie sich anstellen, um die Bulle mit eigenen Augen zu sehen. Eine "ukrainische Reliquie", die nach der Messe in einer Seitenkirche für alle Besucher ausgestellt sein wird, so hatte es Poroschenko in seiner Rede versprochen.

Als kirchenrechtlich anerkannt hatte bisher immer nur die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (kurz: UOK-MP) gegolten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hatte sich allerdings die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats (kurz: UOK-KP) abgespaltet. Bisher wurde die Kirche nicht anerkannt, doch mit dem "Tomos" ändert sich das: Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche ist fortan eine von 15 eigenständigen, "autokephalen" Teilkirchen des Ökumenischen Patriarchats. Und so gibt es ein Wort, das heute alle im Munde führen: "historisch".