London. (red/dpa/apa) Es war ein Brief zum Abschied, den die Präsidenten von EU-Rat und EU-Kommission, Donald Tusk und Jean-Claude Juncker nach London schickten. In dem gemeinsamen Schreiben an Premierministerin Theresa May bedauern beide den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union. Man respektiere die Entscheidung, heißt es in dem Brief, und es werde auch zur Kenntnis genommen, dass "der Brexit eine Quelle der Unsicherheit und Störung" bedeute.

Die "Backstop-Regelung", die eine Grenze zwischen Nordirland und Irland verhindern soll, sei nur eine Rückversicherung, so Juncker und Tusk. Die Regelung stößt bei vielen Tories auf Widerstand, weil Großbritannien dann im EU-Binnenmarkt verbleibt, ohne die Regeln mitbestimmen zu können.

Nervosität wächst

Unterdessen wächst innerhalb der britischen Regierung die Nervosität minütlich. Es käme einem Wunder gleich, sollte Mays Deal heute von einer Mehrheit der Abgeordneten angenommen werden.

Die britische Premierministerin hat die Niederlage deutlich vor Augen, sie versuchte es bis zuletzt mit dramatischen Appellen. So warnte sie am Montag in einer Ansprache im Parlament vor einem Auseinanderbrechen des Vereinigten Königreichs im Fall eines EU-Austrittsohne Abkommen. Ein No-Deal-Brexit würde die Befürworter einer schottischen Unabhängigkeit und eines Zusammenschlusses von Nordirland und Irland stärken. "Das ist mit Sicherheit die eigentliche Bedrohung für unsere Union", betonte May.

Zudem wäre eine Ablehnung des Vertrags ein "Bruch des Vertrauens in unsere Demokratie", beschwor sie die Skeptiker in ihren eigenen Reihen, denn es sind vor allem die rund 100 Tory-Abgeordneten, die ihr einen Strich durch die Rechnung machen. Der Tory-"Einpeitscher", Gareth Johnson, der die Abgeordneten auf Linie bringen soll, trat am Montag zurück. Analysten rechnen damit, dass May eine Niederlage in einer Größenordnung ins Haus steht, die ihresgleichen sucht.

May erinnerte ihre Parteifreunde, dass beim Referendum im Juni 2016 eine Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU gestimmt hatte. Das mühsam mit Brüssel ausverhandelte Abkommen abzulehnen, das einen geordneten Austritt ermögliche, würde das Vertrauen der Briten in die demokratischen Institutionen auf "katastrophale und nicht zu entschuldigende" Weise erschüttern.

In einer Rede vor Industriearbeitern im englischen Stoke-on-Trent sagte May, dass es eine Aufschiebung des Brexit nicht geben werde. Zuvor hatte es Spekulationen gegeben, London könne den Austritt verschieben, wenn das Parlament gegen das Austrittsabkommen stimmt. "Wir treten am 29. März aus", so May. Brüssel hält die Verschiebung des Brexits über das vorgesehene Datum hinaus aber für möglich. Eine "technische" Verlängerung bis Juli wäre ein erster Schritt, um May Extrazeit zu geben, das jetzige Abkommen zu überarbeiten und bestätigen zu lassen, so nicht näher genannte Diplomaten.