Großbritannien macht dieser Tage eine Verfassungskrise durch, ein Kräftemessen zwischen der "mother of parliaments" und der zentralistisch regierenden Exekutive.

Am Samstag, den 2. September 1939 stand es auch Spitz auf Knopf. Obwohl die Streitkräfte Hitlers gerade dabei waren, Polen in Schutt und Asche zu bombardieren, versuchte Premierminister Neville Chamberlain das Unterhaus zu überzeugen, dass der Weg zu Verhandlungen noch nicht versperrt sei. Offensichtlich hoffte Chamberlain, dass auch diesmal der italienische Diktator Mussolini eine Verständigung mit Berlin und einen Rückzug der Wehrmacht aus Polen zustande bringen würde. Chamberlains Ausführungen wurden in eisiger Stille vernommen, und als der Labour-Chef Arthur Greenwood zum Rednerpult trat, erscholl der Ruf von konservativer Seite: "Speak for England, Arthur!" Das tat er auch, Chamberlains Lavieren war am Ende. Der Kriegszustand trat um elf Uhr am Sonntag in Kraft. Diese Sternstunde des britischen Parlamentarismus war einzigartig, eine Ankündigung des nationalen Kampfwillens.

Das Brexit-Drama unterscheidet sich von den Parlamentskrisen der 1950er (Suez) und 1970er Jahre (schwacher Pfund) in zwei wesentlichen Aspekten. Vor allem, weil sie vergleichsweise viel größer ist und die britische Wirtschaft in eine Abwärtsspirale zu stürzen droht, die jahrelang andauern und die ärmeren Bevölkerungsschichten wohl am härtesten treffen wird. Warum, fragt man sich, ging dieser nationale Konsens verloren?

Zum einen sehen wir die Spätfolgen des Thatcherismus: Konservative, in den 1980er Jahren sozialisierte Politiker, für die "Einmischungen aus Brüssel" (soziale Verordnungen, Europäischer Gerichtshof, Einhaltung der "vier Freiheiten" der EU) Teufelswerk sind und den eigenen Wünschen einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche ("schlanker" Staat) widerspricht.

Zum anderen gibt es breite Massen in Wales und Nordengland, die seit schon fast vierzig Jahren die Folgen des Kahlschlags der Thatcher-Ära (Schließung der Schiffswerften, Kohleminen, Stahlwerke und verarbeitenden Industrie) spüren, dem die Labour-Regierungen von Blair und Brown wenig entgegensetzten.

Viele Inselbewohner sind unzufrieden, geben aber Brüssel und nicht den sparwütigen Tories die Schuld. Ein Haus in der Stadt zu kaufen bleibt für die junge Generation aufgrund steigender Immobilienpreise ein Traum; eine Wohnungsmiete in London unter 2000 Pfund im Monat ist nicht zu haben, denn der "Markt" kennt weder Regulierung noch Mieterschutz.

Will man statt dessen außerhalb der Metropole wohnen und täglich pendeln, sind die Preise für die überfüllten und sehr oft verspäteten Züge (die Eisenbahn wurde 1990 privatisiert) ein Hohn: Eine Monatskarte Watford-London (24 km) kostet umgerechnet 330 Euro, Reading-London (50km) kommt auf 500 Euro. Schaut man sich als besorgter Elternteil die Schulen an, stößt man auf eklatanten Lehrermangel, während beim Arzt oder im Spital die Wartezeiten lange sind - eine Folge massiver Einsparungen im Gesundheitssektor. Dazu kommt, dass Betten oder rare Termine von "bloody foreigners" belegt sind, eine Folge von Camerons Öffnung des Arbeitsmarktes für Rumänen, Polen und Bulgaren, lange bevor Berlin oder Wien dies zuließen.

Was ist von einem Land zu halten, wo städtische Büchereien und Kindergärten zusperren, Polizisten abgebaut werden oder wo sich das County Council (wie unlängst Nottinghamshire) offiziell bankrott erklärt? Während die Phantomschmerzen über den Imperiumsverlust eher die "upper classes" heimsuchen, plagen die Arbeiterschaft und deren Pensionisten tiefe Enttäuschungen über den 40 Jahre währenden Niedergang ihres Lebenstandards.