Athen. Nach dem Vertrauensvotum im griechischen Parlament reibt sich manch einer verwundert die Augen: Ministerpräsident Alexis Tsipras hat es erneut geschafft. 151 der 300 Abgeordneten sprachen ihm das Vertrauen aus, dabei verfügt seine Regierungspartei Syriza nur über 145 Sitze und der kleine Koalitionspartner Anel hatte sich am Sonntag zuvor aus der Zusammenarbeit verabschiedet. Tsipras aber konnte sechs parteifremde Parlamentarier für sich gewinnen - und geht als Nächstes die heikle Abstimmung über den Namenskompromiss mit Mazedonien an.

"Die erste Wette gewonnen", titelte eine regierungsnahe Zeitung. Die erste Wette, die Vertrauensfrage. Bei der Abstimmung über den Namen Nordmazedonien für das Nachbarland geht Tsipras erneut ein Risiko ein. Doch mit Pokern hat sein Agieren nichts zu tun - vielmehr steckt dahinter knallhartes Kalkül. In anderen Ländern würde ein Premier, der keine gesicherte Mehrheit im Parlament hat, wohl als "lahme Ente" bezeichnet. Nicht so in Griechenland: Tsipras hätte auch mit einer einfachen Mehrheit weiterregieren können. Deshalb sehen ihn politische Beobachter in Athen nun gestärkt aus der Abstimmung hervorgehen.

Hoffen auf Posten

Tsipras nutzte bei der Vertrauensfrage die Tatsache, dass zwei kleinere Parteien ernste Zerfallserscheinungen zeigen. Spätestens im Oktober findet in Griechenland die Parlamentswahl statt. Aktuellen Umfragen zufolge würden die rechtspopulistische Anel und die Partei der politischen Mitte To Potami nicht einmal mehr die für das Parlament geltende Drei-Prozent-Hürde überspringen.

Wer also jetzt als Abgeordneter dieser Parteien auf Tsipras setzte, kann sich bei Syriza integrieren und womöglich wiedergewählt werden, oder aber auf einen guten Listenplatz bei der Europawahl oder auch einen Posten im Staatsapparat hoffen. Entsprechend kritisierte der konservative Oppositionspolitiker Kyriakos Mitsotakis bei der Debatte zur Vertrauensfrage: "Sie bekommen die Stimmen von hausierenden Abgeordneten, die ein politisches Dach über dem Kopf suchen."

Mit der Abstimmung über das von Tsipras 2018 ausgehandelte Abkommen mit Skopje wird für nächste Woche gerechnet; der Termin für eine Großdemo rechter Organisationen am Sonntag in Athen hingegen steht schon fest. Etliche Parlamentarier wurden in den vergangenen Tagen anonym bedroht, nicht für das Abkommen zu stimmen.