Berlin/Wien. Wohl fühlt sich Markus Söder in seiner fränkischen Heimat. Der Nürnberger gilt nicht als München-Liebhaber, umgekehrt blicken die stolzen Oberbayern gerne auf ihre Landsleute aus dem Norden des Freistaats herab. Ab Samstag hat Söder noch ein zusätzliches Terrain zu beackern, das ihm eigentlich nicht behagt: die Bundeshauptstadt Berlin.

Denn beim CSU-Sonderparteitag wird die Machtübergabe an den 52-Jährigen vollzogen. Bereits im vergangenen März löste Söder Horst Seehofer als Ministerpräsident im Freistaat ab, nun gibt Seehofer nach mehr als zehnjähriger Regentschaft die Führung der Partei ab. Er muss seinen langjährigen Rivalen Söder gewähren lassen, nachdem die CSU sowohl bei der Bundestagswahl 2017 als auch der bayerischen Landtagswahl im Oktober desaströse Ergebnisse einfuhr.

Spannend wird, wie Söder seine neue Machtfülle nutzt. Denn bundespolitisch hat er bisher keine Ambitionen gezeigt, sein Ziel ist das Amt des Ministerpräsidenten gewesen. Trotzdem griff er nach dem Parteivorsitz, schließlich lässt der machtbewusste Politiker eine Schwäche wie die Seehofers nicht ungenutzt. Noch dazu gab es keine ernst zu nehmenden Konkurrenten.

Drei Machtzentren

In Berlin agiert Söder nun auf Augenhöhe mit der im Dezember ins Amt gewählten CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und der SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles. Alle drei Parteivorsitzenden sind jedoch nicht Teil der Regierung; auf CSU-Seite behält Seehofer seinen Job als Innenminister. Vorbei sind die Zeiten, als es nur ein Machtzentrum gegeben hat: das Kanzleramt. Von dort zog Hauptmieterin und CDU-Chefin Angela Merkel die Fäden, in der Fraktion von CDU/CSU assistierte ihr Vertrauter Volker Kauder. Er wurde vergangenen Herbst überraschend von Ralph Brinkhaus gestürzt und so ist die multipolare Ordnung nun auf das Kanzleramt, die Parteivorsitze und die Fraktionen verteilt.

In dieser neuen Lage scheinen CDU, CSU und SPD vor allem an Ruhe interessiert zu sein. Vorbei sind die ständigen Streitereien und Schuldzuweisungen, die sich 2018 bis in den Herbst zogen; allen voran der Disput zwischen Merkel und Seehofer in der Asylpolitik, welcher fast zum Bruch der Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU geführt hätte. Die Konservativen haben dabei schmerzlich erfahren, dass sie die AfD nicht loswerden, wenn sie die Nationalpopulisten lediglich kopieren. In Bayern lief die bürgerlich-liberale Wählerschaft angewidert zu den Grünen über. Der Stehsatz von CSU-Übervater Franz Josef Strauß, rechts der Partei dürfe es keine Konkurrenz geben, lässt sich nicht so einfach auf heute umlegen.