In Brüssel ist man unterdessen dazu verurteilt, dem britischen Chaos ohnmächtig zuzuschauen. Man wisse zwar zur Genüge, was die Briten nicht wollten, nicht aber, was sie wollten, heißt es hier. Und diese Ungewissheit verhindert, dass die EU auf London zugehen kann.

Dass es ein Entgegenkommen geben könnte, ist nicht ausgeschlossen. Brexit-Unterhändler Michel Barnier würde es begrüßen, sollte sich Großbritannien nach dem Austritt enger als bisher geplant an die EU binden. Dann, so Barnier, wäre eine Lösung schnell gefunden. Wünschenswert wäre, dass die Briten in der Zollunion - besser noch, im Binnenmarkt - blieben.

Johnson ist "wütend"

Das hat Theresa May bis dato ausgeschlossen. Sie fühle sich dem Volkswillen verpflichtet, sagt sie, und der verlange nach der Abstimmung von 2016 einen Austritt aus der EU - und keine halben Sachen. Eine Zollunion würde bedeuten, dass die Briten künftig keine eigenen Handelsverträge mit Drittländern abschließen können, für die Austritts-Fans eine unzulässige Beschneidung jener "Souveränität", die man sich durch den Brexit erhoffte. Bliebe man im Binnenmarkt, dann müsste Großbritannien schrankenlose Zuwanderung aus der EU tolerieren - ein Unding für alle, die im Juni 2016 für einen Austritt aus der EU gestimmt haben.

Oppositionschef Jeremy Corbyn will sich jedenfalls für eine "neue Zollunion" mit der EU einsetzen. Freier Personenverkehr, eine der Hauptsäulen des Binnenmarktes, ist bei Labour nicht vorgesehen. Das wäre dann das berühmte "Rosinenpicken", auf das sich die EU nicht einlassen wird.

Der Brexit-Wortführer der Tories, Boris Johnson, hat am Freitag May davor gewarnt, sich mit Labour auf einen weicheren Deal zu verständigen. Dass die Regierung überhaupt erwäge, sich weiterhin EU-Regeln zu unterwerfen, um im Binnenmarkt zu bleiben, mache ihn "wütend". Es handle sich dabei um "Verrat". Die EU könnte dann nämlich Entscheidungen treffen, ohne dass Großbritannien dabei ein Wort mitzureden habe, so Johnson.