"Das EuGH-Urteil selbst hat allerdings nichts mit Religion zu tun, sondern es geht nur darum, dass gewisse Arbeitnehmer besser behandelt werden als andere", ergänzt Verfassungsjurist Theodor Öhlinger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Frage der Religion würde erst dann auftauchen, wenn Österreich eine gesetzliche Regelung dazu verfasst.

Laut Wolfgang Mazal vom Institut für Arbeits- und Sozialrecht gäbe es hier mehrere Möglichkeiten - bis dahin seien Arbeitgeber verpflichtet, auch den anderen Arbeitnehmern das Recht auf einen Feiertag am Karfreitag zu gewähren. Eine davon wäre, den Karfreitag für alle als Feiertag zu streichen. Denn auch damit würde kein Arbeitnehmer mehr diskriminiert werden.

Als wahrscheinlichste Lösung gilt jedoch, dass der Feiertag für Protestanten behalten, aber die Feiertagszulage gestrichen wird, kristallisierte sich nach dem EuGH-Urteil heraus. Für den evangelisch-lutherischen Bischof Michael Bünker wäre die Streichung der Zuschläge vorstellbar, sagte er und wurde dabei von der katholischen Kirche unterstützt. Bünker verlangte von der Regierung, dass die evangelische Kirche in die Entscheidungsfindung eingebunden werde. Denkbar sei für ihn auch, den Karfreitag gegen den Pfingstmontag als gesetzlichen Feiertag für alle zu tauschen. Ein Abtausch mit dem Ostermontag wäre ebenso denkbar.

"Zusätzlicher Feiertag kostet Wirtschaft 600 Millionen Euro"

Von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite kamen freilich konträre Reaktionen. Während ÖGB und auch die SPÖ forderten, den Karfreitag zu einem gesetzlichen Feiertag für alle zu machen, lehnte die Wirtschaftskammer (WKO) das entschieden ab. Bernhard Achitz, Leitender ÖGB-Sekretär, begründete die Forderung nach einem Feiertag für alle damit, dass die Österreicher mit ihren wöchentlichen Arbeitszeiten an einem der europäischen Spitzenplätze lägen. WKO-Generalsekretär Karlheinz Kopf sowie die Industriellenvereinigung konterten, dass Österreich mit 13 Feiertagen im Jahr schon jetzt unter den Ländern mit den großzügigsten Feiertagsregelungen in Europa rangiere. "Ein zusätzlicher Feiertag würde die österreichische Wirtschaft 600 Millionen Euro kosten", so Kopf.

Der Karfreitag ist in vielen EU-Ländern ein gesetzlicher Feiertag: In 13 der 28 Staaten haben heuer am 19. April alle Arbeitnehmer frei oder müssen, wenn sie arbeiten, Feiertagszulage bekommen. In Deutschland gelten gesetzliche Feiertage grundsätzlich für alle. Und auch das EuGH-Urteil zum Karfreitag in Österreich könnte weitreichendere Folgen haben. "Der jüdische Versöhnungstag Jom Kippur (heuer am 9. Oktober, Anm.) ist dem Karfreitag rechtlich gleichwertig", sagt Mazal. Er sei zwar im Kollektivvertrag und nicht im Arbeitsruhegesetz geregelt, Nichtangehörige der israelitischen Kultusgemeinde könnten sich aber diskriminiert fühlen. Zum Ramadan, Fastenmonat der Muslime, gibt keinerlei gesetzliche Regelungen dieser Art.