London. (dpa/afp/sig) Der Polit-Krimi in London wird immer spannender, in Brüssel sitzt man mit Popcorn vor den Bildschirmen. Über eine Reihe von Änderungsanträgen versucht das britische Unterhaus, die Kontrolle über den Brexit-Prozess an sich zu reißen. Hauptdarsteller dieses Coups ist John Bercow. Der Parlamentspräsident darf entscheiden, welche der von den Abgeordneten eingebrachten Änderungsanträge zur Abstimmung kommen.

Mit seinen einprägsamen Mahnungen ("Order! Order!") und seinen trockenen Zwischenrufen in den Tumult des Unterhauses hinein ("We should all be a bit more Zen here") hat Bercow es in den vergangenen Wochen in die internationalen Schlagzeilen geschafft. Noch nie zuvor haben sich so viele Menschen die Live-Übertragung aus dem britischen Unterhaus angesehen.

Der Sohn eines rumänischstämmigen Taxifahrers arbeitete sich nach oben. Nach seinem Studium werkte er in einer Bank, bevor er 1997 ins Unterhaus einzog - und eine politische Wandlung durchzog. Bercow, so viel ist mittlerweile allen klar, ist nicht auf Regierungslinie. Der ehemalige Tory - für seine Rolle als Sprecher des Parlaments musste er seine Unabhängigkeit garantieren - gilt als sturer EU-Freund. Von seinen ehemaligen Parteifreunden hat sich der 56-Jährige zunehmend entfernt, mittlerweile vertritt er eine linksliberale Haltung. Es wundert daher kaum, dass er 2009 hauptsächlich von Labour-Leuten zum Speaker des Unterhauses gewählt wurde. Von seinen eigenen Konservativen erhielt er nur wenige Stimmen.

Viele Tories und vor allem die Brexit-Befürworter unter ihnen werfen Bercow immer wieder vor, sie zu benachteiligen. Bercow macht kein Geheimnis daraus, dass ihm ein Verbleib seines Landes in der Europäischen Union am liebsten wäre.

Viel Wirbel erzeugte Bercows Ankündigung, US-Präsident Donald Trump bei seinem Besuch in London im Februar 2017 nicht im Parlament sprechen zu lassen. "Ich habe das starke Gefühl, dass unser Widerstand gegen Rassismus und Sexismus und unsere Unterstützung für die Gleichheit vor dem Gesetz und eine unabhängige Gerichtsbarkeit enorm wichtige Überlegungen sind", begründete er die Entscheidung, die auf Jubel wie Kritik stieß.

Kritisiert wird Bercow auch von Ex-Mitarbeitern und Kollegen, die ihm vorwerfen, beleidigend zu sein und herumzubrüllen. Nachtragend ist Bercow jenen gegenüber, die sich über seine Körpergröße lustig machen. Der konservative Angeordnete Simon Burns nannte Bercow einen "dummen, scheinheiligen Zwerg" - das brachte ihm die Feindschaft des 168 Zentimeter großen Bercow ein.

Auch das Privatleben des Parlamentspräsidenten sorgt für Aufsehen. So posierte seine Frau Sally, ein Mitglied der Labour-Partei, lediglich mit einem weißen Tuch bekleidet für eine Zeitschrift, nahm an einer Reality-TV-Show teil und hatte eine Affäre mit dem Cousin ihres Mannes.

Bercow selbst sieht sich als Verteidiger des Parlaments gegen eine Regierung, die zunehmend autoritäre Züge trägt, und gegen die Boulevardpresse. Eigentlich soll Bercow im Sommer in den Ruhestand gehen, doch gibt es Gerüchte, er könnte während des Brexit-Prozesses an Bord bleiben. Angesichts der Unterstützung durch die Opposition können die Konservativen nur wenig dagegen tun. Allerdings kursieren bereits Berichte, wonach Letztere ihm den traditionell im Oberhaus vorgesehenen Sitz zur Strafe verweigern könnten.