London/Brüssel. (da) Die Meldung ist erst drei Monate alt, doch klingt sie wie aus einer längst vergangenen Epoche: Ende Oktober korrigierte Großbritanniens Finanzminister Philip Hammond die Wachstumsprognose nach oben, von 1,3 auf 1,6 Prozent - und zwar für das heurige Brexit-Jahr. Dieser Tage dominiert jedoch die Angst vor einem ungeordneten EU-Austritt des Vereinigten Königreichs am 29. März. Es ist - neben einem drohenden Handelskrieg zwischen den USA und China - das Konjunktur-Schreckensszenario schlechthin.

Bereits in der Herbstprognose vom November schraubte die EU-Behörde Eurostat die Wachstumsaussichten nach unten (siehe Grafik). Jene 1,3 Prozent Wachstum in Großbritannien 2018 unterbot die dortige Handelskammer, sie ging im Dezember nur noch von 1,2 Prozent für 2018 aus sowie 1,3 Prozent in diesem Jahr.

Das klingt nach unbedeutenden Zehntelprozentpunkten. In der Praxis bedeutet es aber, dass Großbritanniens Bruttoinlandsprodukt (BIP) weniger stark steigt als Anfang der 2010er Jahre. Damals fand das Land nach Weltwirtschaftskrise und Rezession mit minus 4,2 Prozent 2009 zwar wieder zu moderatem Wachstum zurück. Die Erwartungshaltungen waren bis vor kurzem jedoch deutlich höher.

Mark Carney, Chef der Bank of England, fürchtet bei einem harten Brexit schlimmere Folgen als durch die Finanzkrise. - © afp/Coffrini
Mark Carney, Chef der Bank of England, fürchtet bei einem harten Brexit schlimmere Folgen als durch die Finanzkrise. - © afp/Coffrini

Doch je länger das Londoner Unterhaus und Premierministerin Theresa May um eine Einigung ringen, desto dünner wird das Nervenkostüm der Wirtschaftsvertreter. "Das endlose Gezänk in Westminster führt in der wirklichen Welt zu Marktunsicherheit, Hamsterkäufen und dem Abzug von Mitarbeitern, Geld und Anlagen", schimpfte der Chef der britischen Handelskammer, Adam Marshall. Zuvor stimmte das Unterhaus zwar gegen einen EU-Austritt ohne Brexit-Abkommen. Jedoch wollen die Abgeordneten von May, dass sie die Garantie einer offenen Grenze zwischen der Republik Irland und dem zum Vereinigten Königreich gehörenden Nordirland neu verhandelt - was die EU-27 (noch) ablehnen.

Zum Vergrößern bitte anklicken. - © M. Hirsch
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Da die Unternehmen weiterhin keine Klarheit über den künftigen Status der Handelsbeziehungen mit Europa hätten, scheuten sie wichtige Investitions- und Zukunftsentscheidungen, sagt Handelskammer-Chef Marshall. Viele erwägen laut "Guardian" die Verlagerung von Betriebsteilen ins Ausland. Der Luftfahrt- und Rüstungskonzern Airbus bündelt derzeit fast seinen gesamten Tragflächen-Bau in Großbritannien und droht mit "sehr schädlichen Entscheidungen". Elektronikriese Sony verlegt seinen europäischen Hauptsitz von London nach Amsterdam. Und bei den Finanzdienstleistern stehen zehntausende Jobs in der Londoner City zur Disposition, sollten die Institute tatsächlich nicht mehr von Großbritannien aus Geschäfte in der gesamten EU machen dürfen.