Sicherlich badet Großbritannien gerne lauwarm in Nostalgie. Die anderen Reiche in Europa - das französische, das spanische, das österreichisch-ungarische, das russische - haben alle ein böses Ende genommen und werden in der öffentlichen Meinung nicht verehrt. Wir sind die erste post-imperiale Nation, wo das eigene Großreich zuletzt speziell durch Winston Churchill verkörpert wurde, indem er 1940 gegen den nationalen Faschismus in Europa aufstand.

Laut einer Umfrage hat bei 69 Prozent der Briten die Wut auf die Politik seit dem Brexit-Referendum zugenommen, 40 Prozent erwarten gewaltsame Proteste und zivilen Ungehorsam in den kommenden Wochen. Ist Großbritannien mit dem EU-Austritt in eine selbst gestellte Falle geraten, wo es doch innerhalb des Landes andere Probleme zu lösen gelte?

Wir hatten in manchen Städten immer wieder schwere Unruhen und Sachbeschädigungen in den vergangenen 30 bis 40 Jahren. Eine Parlamentarierin (Jo Cox, Anm.) wurde von einem Rechtsextremen während der Brexit-Kampagne 2016 ermordet. Proeuropäische Parlamentarier werden beschimpft oder von den Boulevardmedien beschuldigt, Feinde der Bevölkerung zu sein. Aber ich rechne nicht damit, dass das in gewaltsame Ausschreitungen wie bei den Gelbwesten in Frankreich umschlagen könnte. Viele der überzeugten Brexit-Anhänger sind ziemlich alt. Wenn die Leute einen Gehstock haben oder alle paar Minuten auf die Toilette müssen, sind Ausschreitungen schwer zu organisieren.

Sind die dominierenden Medien mitverantwortlich für das derzeitige Brexit-Chaos in Ihrem Land?

Heute hörte ich auf BBC, wie ein ehemaliger Brexit-Minister der Tories, ein cleverer Anwalt, sagte, zwischen der Schweiz und seinen Nachbarn gäbe es keine Grenzposten oder -kontrollen. Der BBC-Sprecher, ein berühmter Politik-Korrespondent, hätte nur daran denken müssen, wie die Realität wirklich aussieht oder dass die Schweiz ganz normale Grenzkontrollen hat wie alle Länder. Somit wurde die Lüge nicht korrigiert. Die Berichterstattung der BBC und der meisten britischen Medien ist fokussiert auf britische Parlamentarier und tut so, als ob der Brexit ein Match zwischen proeuropäischen und Anti-EU-Parlamentariern wäre. Es gibt sehr wenig Interesse daran, Tatsachen herauszufinden oder Experten zu Wort kommen zu lassen, die wissen, wie Europa funktioniert.

Theresa May war ursprünglich EU-Anhängerin. Hat sie tatsächlich ihre Meinung geändert oder spielt sie ein Spiel bis Ende März?

Sie ist ein typisches Beispiel für ihre Generation der Tory-Abgeordneten, die seit 20 Jahren im Parlament sitzen: Man hat ihnen ständig gesagt, die EU wäre schlecht für das UK. Einen EU-Austritt haben sie nie wirklich unterstützt, aber sie sind mit dem Strom geschwommen, immer etwas Negatives an der EU zu finden und nie etwas Positives. May ist besessen von "zu vielen Ausländern", ähnlich wie Trump oder FPÖ- oder CSU-Politiker. Ich glaube, sie will einen Crash-Austritt ohne Deal vermeiden - ihre oberste Priorität ist jedoch, die Einigkeit der Konservativen Partei zu bewahren.