London/Brüssel. Sie wollte zuletzt ihre Partei zusammenhalten, aber auch das hat nicht funktioniert. Die britische Premierministerin Theresa May hat in den vergangenen Wochen versucht, den Wünschen der Konservativen in den Verhandlungen um den EU-Austritt Großbritanniens zu entsprechen. Doch ist die Fraktion gespalten in der Frage, wie der Brexit aussehen soll. Und nun lassen einige Abgeordnete den Worten des Unmuts über Mays Vorgehen Taten folgen - und wenden sich von den Tories ab. Die Position der Premierministerin wird dadurch weiter geschwächt, sowohl in London als auch in Brüssel, wo die britischen Forderungen keineswegs mit Verständnis aufgenommen werden.

In der Zwischenzeit vertiefen sich die Klüfte im Unterhaus in London. Die neu gegründete "Unabhängige Gruppe" im Parlament hat nämlich Zuwachs von den regierenden Konservativen bekommen. Die EU-freundlichen Politikerinnen Heidi Allen, Sarah Wollaston und Anna Soubry, die am Mittwoch aus der Tory-Partei ausgetreten sind, haben sich der Gruppe angeschlossen. In dieser sind bereits acht Abgeordnete, die die Labour-Partei aus Protest verlassen hatten.

Auch sie hatten sich gegen den Brexit-Kurs ihres Vorsitzenden gewandt. Jeremy Corbyn, der lange keine klare Position zum EU-Austritt bezogen hatte, setzt auf Neuwahlen. Labour-Mitglieder kritisieren außerdem den Umgang des Altlinken mit antisemitischen Tendenzen.

Geist der Spaltung

Das alles nährt die Befürchtungen, dass Labour auseinanderbrechen könnte - und auch über den Tories schwebt mittlerweile der Geist der Spaltung. Dennoch betonen die Abtrünnigen, dass sie fünf Wochen vor der geplanten Trennung von der EU den Brexit-Streit im Parlament beenden wollen. Die meisten von ihnen sähen gern ein weiteres Referendum über das Ergebnis von Mays Verhandlungen mit den verbleibenden 27 EU-Staaten.

Die Premierministerin lehnte dies bisher ab und betonte: "Wir machen das Richtige für unser Land." Ihre drei ehemaligen Parteikolleginnen schätzen das aber anders ein. "Das Land hat etwas Besseres verdient", meinen sie. Sowohl bei den Konservativen als auch in der Labour-Partei seien große Fehler gemacht worden. Die Politik brauche eine schnelle, radikale Reform. "Und wir sind dazu entschlossen, unseren Beitrag zu leisten", erklärten die Abgeordneten.

Unklar ist aber, ob die neue Gruppe sich zu einer Partei formieren wird. Das britische Wahlsystem, das nur das Direktmandat kennt, bevorzugt die beiden großen Parteien. Kleinere haben es schwer, Sitze im Unterhaus zu ergattern. Umgekehrt ringen beide großen Fraktionen zunehmend damit, eine klare Regierungsmehrheit zu gewinnen.

So hat auch May im Parlament keine Mehrheit, sondern ist auf die Stimmen der nordirischen protestantischen DUP-Partei angewiesen. Der Austritt der drei Tory-Abgeordneten erleichtert ihre Aufgabe keineswegs.

Planen für alle Szenarien

In Brüssel, wohin May gestern, Mittwoch, erneut gereist war, kann die Premierministerin ebenso wenig auf Entgegenkommen hoffen. Denn die 27 EU-Staaten schließen Änderungen beim Backstop aus, wie der Auffangmechanismus für die Grenze zwischen Irland und der britischen Provinz Nordirland genannt wird. Der britische Außenminister Jeremy Hunt pochte dennoch erneut auf eine Neuregelung der Klausel. Ansonsten würde es keine Vereinbarung geben. "Das ist wirklich der einzige Ausweg aus der jetzigen Situation", befand Hunt. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wiederum betonte, dass die Gemeinschaft eine Verschiebung des EU-Austrittsdatums, das für 29. März fixiert ist, akzeptieren würde.

Gleichzeitig sieht sich die EU gut für den Fall eines ungeregelten Brexit gewappnet. "Wir sind bereit", sagte ein Sprecher der Kommission. "Wir planen für alle erdenklichen Szenarien, einschließlich des schlimmsten."

Das trägt aber nicht unbedingt zur Aufhellung der Stimmung in den Gesprächen bei. Denn während die britische Regierung sich vergeblich müht, von der EU-Kommission Zugeständnisse zu erhalten, um die schlimmsten Auswirkungen eines rechtlosen Zustands nach dem 29. März zu begrenzen, betonen EU-Diplomaten, dass es unmöglich und kontraproduktiv sei, lauter "Mini-Vereinbarungen" zu schließen.