Frankfurt. (wak) Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, spricht sie liebevoll "Deltro" aus. Es ist die Verballhornung eines sperrigen Akronyms, das wiederum auf eine der Wortschöpfungen der europäischen Notenbank zurückgeht. Denn außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Und so hat die EZB in den Jahren der Wirtschaftskrise so einige außergewöhnliche Instrumente erfunden, um die Krise mit geldpolitischen Maßnahmen zu bekämpfen.

Dazu gehört auch "Deltro" - oder, wie es eigentlich heißt: TLTRO. Das steht für "Targeted longer-term refinancing operations" - übersetzt wohl etwa: "gezielte langfristige Refinanzierungsgeschäfte".

Die erste TLTRO-Serie wurde 2014 aufgesetzt. Die zweite im März 2016 ("TLTRO-II). Und nun scheint es, als würde im Frühjahr 2019 TLTRO-III ins Haus stehen.

Worum geht es? Mit dem Spezialinstrument wird Banken die Möglichkeit gegeben, sich zum Zinssatz des Ausgabezeitpunkts der Kredite für vier Jahre Geld von der EZB zu leihen. Das wäre also derzeit - wie auch schon in den vergangenen Jahren - null Prozent. Wozu braucht es TLTRO überhaupt, wenn die Banken sich ohnedies zum Leitzzins von null Geld leihen könnten? Nun, normalerweise sind diese Refinanzierungsgeschäfte auf eine Woche, einen Monat oder im Ernstfall auch auf ein paar Monate ausgelegt.

Eine langfristige Kreditvergabe mit einem garantierten Zins von null Prozent macht die Planung von Banken natürlich leichter. Und so sollen sie dazu ermuntert werden, Kredite an die Privatwirtschaft weiterzugeben. Bei der vergangenen Runde der TLTRO konnten sich die Banken zu vier verschiedenen Terminen Geld zum Nulltarif beschaffen - und zwar im gedeckelten Ausmaß von maximal 30 Prozent ihrer sonst ausstehenden Kredite. Auch hier wurden freilich diejenigen belohnt, die ohnedies fleißig Kredite an Private und Unternehmen weitergeben. Und schaffen die Banken eine Verbesserung ihrer Performance hinsichtlich der Kreditvergabe binnen zweier Jahre nach dem Bezugstermin, bekommen die Institute von der EZB noch einen Zinsbonus oben drauf.

2019 zahlen viele Institute ihre Langfrist-Kredite zurück

2019 wird nun die mehrheitliche Rückzahlung von Krediten aus der ersten TLTRO-Serie schlagend. Volkswirte haben darauf hingewiesen, dass ab Mitte 2019 ein Engpass bei der Kreditvergabe drohen könnte, sollten zahlreiche Geldhäuser erhaltene TLTRO-Darlehen frühzeitig zurückzahlen, ohne eine ähnlich günstige Anschlussfinanzierung zu haben - also dass nach der Rückzahlung an der EZB die Kreditvergabe an Konsumenten zurückgeschraubt wird. Das führt - Hand in Hand mit der Konjunkturabkühlung - natürlich zu Sorgenfalten bei den EZB-Experten.

Und so verdichten sich die Zeichen, dass die nächste Runde der Langfrist-Geldspritzen bevorsteht. Alle potenziellen neue Maßnahmen sollten die zu erreichenden geldpolitischen Ziele im Auge haben, wie es im Protokoll der Sitzung hieß, das die Notenbank am Donnerstag veröffentlichte.

An den Börsen wird schon seit längerem spekuliert, die Euro-Wächter könnten angesichts der Konjunkturabkühlung neue Langfristkredite für Geschäftsbanken beschließen.

EZB-Direktor Benoit Coeure hatte unlängst gesagt, eine Neuauflage solcher Geldsalven sei möglich. EZB-Chefvolkswirt Peter Praet ließ am Mittwoch durchblicken, der EZB-Rat werde sich bereits in Kürze mit der Frage beschäftigen. Das bedeute aber nicht, dass man notwendigerweise Entscheidungen zu diesem Zeitpunkt treffe. Die nächste Zinssitzung der EZB ist am 7. März.

Mit einer Erhöhung der Leitzinsen ist 2019 jedenfalls nicht zu rechnen. Österreichs Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny sagte in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin "Trend", dass in der EZB sogar darüber debattiert wird, ob angesichts der Konjunktur-Abkühlung die Normalisierung der Geldpolitik überhaupt weitergeführt werden soll. "Ich persönlich kann momentan keinen Bedarf an zusätzlicher Liquidität erkennen", so Nowotny.

Als Draghis Nachfolger (der Italiener scheidet im Herbst aus dem Amt) würde sich Nowotny den Deutsche-Bundesbank-Präsidenten Jens Weidmann wünschen.