Ankara/Straßburg. (czar) Von Hasankeyf sind nur noch ein paar Gebäude und Steinruinen übrig. Und auch die werden bald unter der Wassermasse verschwinden. Denn die Regierung in Ankara ließ sich nicht davon abbringen, in der Provinz Batman, im Osten der Türkei, ein riesiges Staudammprojekt auszuführen. Das Ilisu-Vorhaben diene nicht nur der Gewinnung von Energie, sondern biete auch bessere Bewässerungsmöglichkeiten für die Landwirtschaft, argumentiert die Regierung. Proteste im In- und Ausland gegen den Bau, bei dem die Jahrtausende alte Stadt Hasankeyf geflutet wird, wischte sie weg.

Einige Aktivisten haben ihren Widerstand gegen das Projekt dennoch nicht aufgegeben und zuletzt Hoffnungen in den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gesetzt. Doch dieser hat die Beschwerde einer Gruppe türkischer Intellektueller und Akademiker nun zurückgewiesen.

Die Kläger hatten den Stopp des Ilisu-Staudamms gefordert. Ins Feld hatten sie laut der Deutschen Presse-Agentur unter anderem geführt, dass mit dem Verschwinden Hasankeyfs und der dortigen Artefakte aus vielen Zivilisationen das Menschenrecht auf Bildung der kommenden Generationen verletzt werde. Das Gericht in Straßburg folgte der Argumentation der Aktivisten aber nicht. Aus den Bestimmungen der Europäischen Menschenrechtskonvention lasse sich kein Recht Einzelner auf Schutz bestimmter Kulturdenkmäler ableiten, heißt es in der Entscheidung. Für die hatten die Richter 13 Jahre gebraucht.

Proteste im In- und Ausland

Die Geschichte der Entstehung des Staudamms und der Proteste dagegen ist freilich noch älter. Schon in den 1950er Jahren gab es Pläne, den Fluss Tigris in dieser Gegend zur Energiegewinnung zu nutzen. Konkreter wurden sie zur Jahrtausendwende. Parallel dazu formierte sich eine länderübergreifende Allianz von Umweltschutz- und Menschenrechtsaktivisten, von Nichtregierungsorganisationen und Politikern - wie etwa den Grünen im EU-Parlament -, die auf die negativen Auswirkungen des Staudamms hinwiesen: die Umsiedlung tausender Menschen, mögliche Zerstörung ganzer Ökosysteme und eben der Kulturgüter. Kritik kam ebenfalls aus dem benachbarten Irak, wo der Tigris eine wichtige Wasserquelle ist. Regulierung in der Türkei könne Wassermangel im Irak bedeuten.

All das führte für die türkischen Behörden zu zahlreichen Auflagen für den Umweltschutz, den Erhalt von Kulturgütern und zur Umsiedlung. Da diese aber nicht erfüllt wurden, haben Deutschland, Österreich und die Schweiz 2009 Kreditbürgschaften für den Damm gestoppt. Ankara hat die Finanzierung jedoch sichern können und treibt das Projekt voran. Die Bauarbeiten haben begonnen, und sobald der Damm fertiggestellt ist, wird Hasankeyf unter dem Stausee versinken, möglicherweise schon in wenigen Monaten.

Historische Denkmäler wie der Artuklu Hamam, das Grabmal von Zeynel Bey mit seiner massigen Kuppel, die Kizlar-Moschee aus dem 15. Jahrhundert und weitere Gebäude sind allerdings nicht davon betroffen. Sie wurden auf Geheiß der Regierung in aufwendigen Rettungsaktionen auf Plattformen gehievt und versetzt. Ihren neuen Platz fanden sie in einem archäologischen Park, ein paar Kilometer vom ursprünglichen Ort entfernt.