Bratislava. Am ersten Jahrestag des Mordes am Investigativ-Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnirova sind in der Slowakei erneut tausende Menschen auf die Straße gegangen. Bei Massenkundgebungen, die parallel in 36 Städten der Slowakei und über 20 im Ausland angekündigt waren, forderten sie restlose Aufklärung der Bluttat, eine vertrauenswürdige Regierung sowie eine Politik mit Visionen und Lösungen.

"Wir sehen, dass einige Politiker weiterhin kein Problem haben, Hass und Konspiration als Arbeitsmethode zu benutzen," hieß es im Vorfeld im Aufruf der Organisatoren von der Initiative Für eine anständige Slowakei. "Verwechselt unseren Anstand nicht mit Mangel an Willen und Mut auszudauern. Wir werden nicht vergessen!" erklärten sie.

Allein zur größten Kundgebung auf dem Platz des slowakischen Nationalaufstandes im Zentrum von Bratislava versammelten sich laut Schätzungen der Tageszeitung Dennik N bis zu 25.000 Teilnehmer, die Menschenmenge ähnelte den größten Protestdemonstrationen vom letzten Frühjahr. "Mafia get out of my Country!" stand auf Transparenten. Unterstützt wurden die Organisatoren erneut von Journalisten, Schauspielern und Wissenschaftlern.

"Wir wollen Namen derjenigen, die Mord bestellt haben"

Jozef Kuciak, der Vater des ermordeten Aufdeck-Reporters, sprach als einer der ersten die Menschenmenge an. "Es ist an der Zeit mich auch persönlich bei euch zu bedanken. Ich will der Initiative Für eine anständige Slowakei danken, denn sie haben auch wegen uns viel erleiden müssen. Im vergangenen Jahr ist aber viel geschehen," sagte er.

"Wir wollen die Namen derjenigen wissen, die diesen Mord bestellt hatten," forderte Karolina Farska von den Organisatoren auf dem Podium. Politische Einflussnahme auf die weiterhin laufenden Ermittlungen lehnte sie entschieden ab. "Wir wollen einen Premier, der keine Anweisungen in der Smer-Zentrale einholen muss. Viele Politiker haben immer noch nicht begriffen, dass Politik allen Menschen dienen soll," erklärte die Studentin, die zum Gesicht der Proteste geworden ist, in Anspielung darauf, dass Ex-Premier Robert Fico auch weiterhin Vorsitzender der stärksten Regierungspartei Smer geblieben ist.

Auch die Koalitionspartner Andrej Danko und Bela Bugar wurden von den Rednern nicht verschont, alle samt wurden sie zum Rücktritt aufgefordert. "Zurücktreten!" und "Genug Fico!" skandierte die Menschenmenge. Die von der Regierung aktuell vorbereiteten Einschränkungen für Journalisten im neuen Pressegesetz lehnten die Protestierenden entschieden ab. "Politiker sollen auf Fragen antworten und nicht vorschreiben, was man sie fragen soll!" ertönte von der Tribüne.

Kuciak recherchierte über Mafia-Verbindungen zur Politik

Ähnlich große regierungskritische Massenproteste gab es in der Slowakei zuletzt im November letzten Jahres. Am Vorabend des 29. Jahrestages der Wende hatten Tausende für eine anständige Slowakei protestiert. Kurz zuvor waren Informationen an die Öffentlichkeit gelangt, dass die Organisatoren von der Initiative "Für eine anständige Slowakei" wegen einer anonymen Strafanzeige von der Polizei verhört und ihre Bankkonten überprüft wurden.

Der 27-jährige Investigativ-Journalist Jan Kuciak und seine gleichaltrige Verlobte wurden am 25. Februar letzten Jahres in ihrem Haus in Velka Maca, rund 60 Kilometer von Bratislava, erschossen aufgefunden. Ermordet wurden sie laut späteren Obduktionsergebnissen bereits vier Tage zuvor, am 21. Februar.

Als Grund wurde sofort die Arbeit des Reporters vermutet. Kuciak hatte in großen Korruptionsfällen recherchiert, zuletzt über Verbindungen Mafia-naher italienischer Geschäftsleute aus der Ostslowakei bis zu höchsten Ebenen der Regierung. Mehrfach thematisierte er auch dubiose Geschäfte reicher Oligarchen, die wegen Kontakten zu Polizei, Staatsanwaltschaft und hoher Politik als unantastbar galten.

Seine Enthüllungen führten zu den größten Massenprotesten in der Slowakei seit der Wende, die den Sturz des dreimaligen Ministerpräsidenten Robert Fico mit seiner Regierung und die Bildung eines Nachfolgekabinetts unter dem Sozialdemokraten Peter Pellegrini bewirkten. Zahlreiche Wechsel gab es in Anschluss auch in der Polizeileitung. Kritiker beklagen, die Veränderungen würden nur die Fassade betreffen, laut einigen Beobachtern könnte sich aber der Kuciak-Fall durchaus als Einschnitt in der Geschichte des Landes erweisen.

Sieben Monate nach dem Mord haben Polizeiermittler vier mutmaßliche Täter verhaftet, darunter auch den Todesschützen. Generalstaatsanwalt Jaromir Ciznar gab kurz vor dem Kuciak-Jahrestag bekannt, die ersten Anklagen könnten im Sommer dieses Jahres erhoben werden. Der oder die Auftraggeber bleiben aber weiterhin unbekannt.