London. Als "Barack Obama für Großbritannien" hat ihn Londons progressives Wochenblatt "New Statesman" einmal hoffnungsvoll bezeichnet. Und das nicht nur, weil Chuka Umunna einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter hat. Sondern weil er, ein Repräsentant der linken Mitte, stets telegen aufzutreten weiß. Und sich als juristisch geschulter Reformator elegant in Szene zu setzen versteht.

Zehn Jahre lang hat man in Westminster mit Spannung verfolgt, welche Rolle der heute 40-Jährige in der Labour Party spielen würde. Seit Jeremy Corbyns Übernahme als Parteichef im Jahr 2015 und dem Brexit-Verdikt von 2016 hatte Umunna ja als eine Art Oppositionsführer gegen die Oppositionsführung agiert.

Erst jetzt gab er diesen Zermürbungskrieg auf und lancierte die Gruppe der Unabhängigen im Unterhaus - zusammen mit sieben anderen Labour-Parlamentariern und drei Tories, denen ihre jeweilige Heimstatt "zu extrem" geworden war. Die Elf hoffen, wie Umunna erklärt hat, über kurz oder lang selbst eine "wählbare Alternative" zu den beiden Großen, zu Labour und Tories, zu werden. Nun hat die neue Gruppe Umunna zu ihrem Sprecher bestimmt.

Gegner von Corbyn

Treibende Kraft der Absetzbewegung ist Umunna ja schon seit einiger Zeit gewesen. Bereits im vorigen Sommer hieß es, er plane eine neue Partei. An Ehrgeiz hat es dem früheren Anwalt für Arbeitsrecht nie gefehlt. Als Chuka Umunna im Jahr 2010 erstmals ins Parlament gewählt wurde, richtete sich Labour gerade auf den Oppositionsbänken ein.

Umunna wurde umgehend parlamentarischer Privatsekretär des Labour-Chefs Ed Miliband und danach dessen Schattenminister für Wirtschaft. An Milibands Seite winkte ihm ein rascher Aufstieg in der Partei.

Als Miliband dann die Unterhaus-Wahlen 2015 verlor, meldete Umunna seine eigene Kandidatur für den Vorsitz an. Er zog sie aber nach nur drei Tagen wieder zurück, weil er nicht damit zurechtkam, dass sein Leben plötzlich erbarmungslos "unter die Lupe" genommen wurde.

Die genauen Gründe für diesen spektakulären Rückzug sind immer ein Rätsel geblieben. Umunnas damalige Freundin Alice Sullivan, die er zwischenzeitlich geheiratet und mit der er eine Tochter hat, soll von der Presse vor ihrer Tür schockiert gewesen sein.

Über Gerüchte, er habe homosexuelle Beziehungen geheim halten wollen, hat Umunna selbst immer nur gelacht. Aber sein Rückzieher hat ihm schwer geschadet. Mit seiner Karriere war es plötzlich vorbei. Zweifel waren aufgekommen. Und Jeremy Corbyn löste seinen Förderer Miliband an der Parteispitze ab.

Mit dem Alt-Sozialisten Corbyn und dessen Vorstellungen konnte der junge Ex-City-Anwalt, den Linke gerne als "Blairisten" in Anlehnung an den umstrittenen Ex-Premier Tony Blair bezeichnen, wenig anfangen: Der Hinterbänkler Umunna erwies sich als ausgesprochener Widersacher des "neuen Regimes". Vor allem bezog er, je dringlicher Corbyn nach dem Brexit rief, umso entschiedener Stellung für eine proeuropäische Politik Labours. Er machte sich zum Fürsprecher eines neuen Referendums über den Verbleib in der EU. In dieser Rolle habe Umunna "mit beträchtlichem Geschick die Anti-Brexit-Aktivisten zusammengeführt", so der Blair-Vertraute Lord Mandelson.

"Charisma und Star-Appeal"

Wenig Zweifel haben Gegner wie Bewunderer Umunnas an dessen Fähigkeit zu kühler Argumentation und öffentlicher Selbstdarstellung. "Charisma und Star-Appeal" hat ihm die "Financial Times" zugesprochen. Seine Kritiker halten ihn dagegen für "zu glatt".

Umunna selbst will einfach "engem nationalistischem Denken eine etwas weitere Weltsicht" entgegensetzen. Er will Wählern in Großbritannien eine Alternative zu den heillos ineinander verkeilten "alten" Parteien präsentieren.

Reiche Gönner und starken Zuspruch hat die Gruppe der Unabhängigen offenbar schon gefunden. Mehr Zustrom aus beiden Parteien wird ebenfalls erwartet. Und mit der Partei der Liberaldemokraten sind Umunnas "Unabhängige" im Gespräch über eine Mitte-Allianz, oder sogar einen Zusammenschluss.