Wiesbaden. (da/afp) Ideologische Welten prallen vor dem Gerichtsgebäude in Wiesbaden aufeinander: "Keine Hetze gegen Flüchtlinge!", steht auf einem Schild, das ein Mann hochhält. "Keine Kuscheljustiz für Moslems!", fordert ein anderer Mann mit Warnweste im Stil der französischen Gelbwesten-Bewegung. Zwischen den Bäumen sind "Leinen des Grauens" gesponnen, an denen Zeitungsartikel mit (angeblichen) Gewalttaten von Migranten hängen.

Drinnen startete am Dienstag der erste Prozesstag in einem Mordfall, der Deutschland erschüttert hat. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 22-jährigen Asylwerber Ali B. vor, er habe Susanna, 14, im vergangenen Mai vergewaltigt und danach getötet.

"Es wurde vor meinen Augen schwarz, dann kam es zu diesem Ereignis. Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte", gesteht der Iraker vor Gericht die Tötung. Er habe den Arm um Susannas Hals gelegt, "zwei, drei, vier Minuten". Anschließend habe er geschaut, ob das Mädchen noch am Leben ist, aber keinen Puls gefühlt.

Die Vergewaltigung bestreitet Ali B., der Sex sei einvernehmlich gewesen. Im Anschluss sei Susanna auf dem Rückweg gestürzt. Sie sei wütend geworden und habe mit der Polizei gedroht. Daraufhin habe er Susanna getötet. Die Anwältin von Susannas Mutter, die als Nebenklägerin am Prozess teilnimmt, zieht die Schilderungen von B. über Sturz und Tötung in Zweifel.

Kritik an Politik und Behörden

Gefunden wurde die Leiche erst rund zwei Wochen nach der Tat. Sie lag nach Angaben der Ermittler in einem Erdloch. Das Loch soll anschließend von Ali B. und offenbar noch einer weiteren Person mit Erde und Ästen bedeckt worden sein.

Für Empörung sorgte auch der Umstand, dass sich Ali B. nach der Tötung mit seinen Eltern und Geschwistern in die Heimat absetzen konnte. Zwar lag bei der Ausreise kein Haftbefehl vor. Aber die Flugtickets lauteten auf andere Namen als jene auf den irakischen Identitätskarten, welche die Familie am Airport vorlegte.

Die Rückholung von Ali B. wurde zur Chefsache, der deutsche Bundespolizeipräsident Dieter Romann persönlich war daran beteiligt. Ein deshalb gegen ihn eingeleitetes Verfahren wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung wurde inzwischen eingestellt. Die Verteidigung von B. moniert am Dienstag, der Vorgang stelle ein Verfahrenshindernis dar, weil es nie ein Auslieferungsabkommen zwischen dem Irak und Deutschland gegeben habe. Das Gericht lehnt den Antrag aber ab.