Dieser Vorwurf ist falsch, und eigentlich bedarf es hier einer sehr eingehenden Erklärung. Nur so viel: Die Gesetze bildeten immer die Basis des Staates, aber wie in allen Ländern hat die Legislative verschiedene Schwierigkeiten und haben die Gesetzestexte verschiedene Lücken, deshalb werden ja Gesetze ständig novelliert. Das heißt: Man konnte nicht gleich nach der Wende die Gesetze vom ersten Tag an perfekt ausformulieren. Die Transformation hat sich nie gegen den Rechtsstaat gerichtet, aber es war unvermeidlich, mit nicht perfekten Institutionen und Gesetzen zu leben und die notwendigen Veränderungen zu organisieren. Alle Legislativen sind unvollkommen, in der gesamten Welt.

Mit Andrej Babis hat Tschechien nun einen Manager und Milliardär als Premier, der den Staat wie einen Konzern führen will. Ist das die Vollendung der kapitalistischen Transformation?

Den Staat als eine Firma zu führen ist doch nur eine Phrase. Durch sein Engagement in der Politik ist Babis längst schon klar geworden, dass dies nicht realisierbar ist. Man benötigt politische Unterstützung und Kompromisse, um das Land zu führen.


Gleichzeitig zeigte sich in Tschechien das Phänomen, dass sich mit der rechtsliberalen ODS und den Sozialdemokraten schneller als in anderen Transformationsländern zwei klassische Großparteien herausgebildet haben. Nun liegen diese am Boden. Liegt da Tschechien im europäischen Trend?

Ja, wir liegen damit leider im europäischen Trend. Und generell muss ich sagen: Die politische Transformation war wahrscheinlich wichtiger als die ökonomische. Wir waren das erste Land in Ost- und Mitteleuropa, das eine klassische politische Struktur geschaffen hatte: auf der rechten Seite die ODS, auf der linken die Sozialdemokraten und die Kommunisten, und in der Mitte Parteien wie die Christdemokraten. Das war unsere wichtigste Leistung und hat die Basis gelegt, um die wirtschaftlichen Maßnahmen umzusetzen. Leider haben ODS und Sozialdemokraten im Moment keine starken Führungspersönlichkeiten. Dadurch sind Stimmen liegen geblieben, die die Partei ANO von Babis oder die Piratenpartei aufgelesen haben. Ich bin unglücklich über diese Situation, denn ANO oder die Piratenpartei haben meiner Meinung nach nicht die gleichen Fähigkeiten wie die klassischen Volksparteien.

Die Tschechoslowakei hat sich ja bald geteilt, Sie haben diese Teilung auf der tschechischen Seite orchestriert, der damalige slowakische Premier Vladimir Meciar auf der slowakischen. Wie war Ihre Position dazu?

Ich habe in der Tschechoslowakei gelebt, habe in der tschechoslowakischen Liga Basketball gespielt, war mehr als fast jeder andere Tscheche in der Slowakei, meine Frau ist Slowakin und wir haben jedes Jahr im Tatra-Gebirge Urlaub gemacht. Ich wollte die Trennung von der Slowakei nicht. Aber gleichzeitig hatte ich auch einen ganz pragmatischen Standpunkt und habe verstanden: Wenn die Slowaken das wirklich wollen, dann gibt es keine Möglichkeit, die Trennung aufzuhalten. Das hätte nur ins Chaos wie in Ex-Jugoslawien oder der Ex-Sowjetunion geführt. Für uns war daher klar: Wenn wir uns für die Trennung entscheiden, dann soll diese schnell und radikal sein, es soll keine langsamen Schritte geben, die die Gesellschaft destabilisieren können. Das haben auch die Slowaken gut verstanden. Sie waren allerdings zunächst überrascht, dass ich, der ursprünglich gegen diese Trennung war, die Meinung vertrat, sie haben das Recht, sich abzuspalten, wenn sie das wirklich wollen. Ich habe den Weg der Kooperation gesucht, ich wollte, dass diese Trennung stabil verläuft und positive Ergebnisse bringt.