Die nationale Truman Show muss zu Ende gehen

Viele Bücher wurden geschrieben über die Ursachen des Brexit: Die Unfähigkeit der konservativen Partei, ihre internen Ideologiekämpfe zu bändigen, der verantwortungslose Gamble des David Cameron, die Verdrängung eines toxischen englischen Nationalismus, das nie überwundene Trauma des verlorenen Empire, 30 Jahre der Dämonisierung von Brüssel und seiner "Eurokratie", das extreme Ungleichgewicht zwischen London und dem deindustrialisierten Rest des Königreichs. Aber der Schlüssel für den demokratischen Sieg dieser törichten Idee und ihr jämmerliches Scheitern in der Durchführung liegt letztlich in dem nach oben ausgeführten psychologischen Dilemma erklärbaren gesellschaftlichen Zwang zur pathologischen Realitätsverweigerung, einer Art nationaler Truman Show, die jetzt zu Ende gehen muss.

Fast drei Jahre lang wurde so intensiv gelogen und selbstbetrogen, dass nun keiner mehr weiß, wo vorne und hinten ist. Der berühmt-berüchtigte "irische Backstop" zum Beispiel war ein Zugeständnis der EU gegenüber Theresa May anstelle des für sie inakzeptablen, ursprünglichen Backstop, der eine Zollgrenze zwischen der britischen Hauptinsel auf der einen und Nordirland auf der anderen Seite des irischen Meeres vorsah. Und dennoch ist es den Brexit-Hardlinern rund um Jacob Rees-Mogg und Iain Duncan-Smith gelungen, dieses Arrangement zu einer perfiden, von der EU gelegten Falle umzudeuten. Gleichzeitig wird aber - offenbar aus reiner Gewohnheit - immer noch routinemäßig beklagt, jener reformierte Backstop, dessen ganzer Sinn es bei seiner Erfindung im Dezember letzten Jahres war, verschiedene Zollräume in Großbritannien zu vermeiden, würde das Königreich spalten. So überleben Phrasen mit beharrlicher Wiederholung alle sich verändernden Fakten.

Auch die so hartnäckig beschworenen, unverrückbaren roten Linien der Theresa May, denenzufolge alles außer dem Ausstieg aus Zollunion und Binnenmarkt kein richtiger Brexit wäre, stehen in offensichtlichem Widerspruch zur Realitätswahrnehmung des Sommer 2016, als etwa eine Titelgeschichte der "Sun" mutmaßte, die EU habe es hinterhältig darauf abgesehen, Großbritannien aus der Zollunion zu boxen.

Als die Pastorentochter Theresa May sich am Montag vor ihrem letztlich erfolglosen Ausflug nach Straßburg beim Commonwealth Service in die Kathedrale von Westminster stellte, um in mahnendem Ton aus dem Korintherbrief zu lesen, hätte man fast glauben können, es sei die EU, die die Briten rausgeworfen habe: "Jeder von uns ist ein Körperteil (...) Der Fuß kann nicht sagen: Weil ich keine Hand bin, will ich nicht Teil des Körpers sein. Das Ohr kann nicht sagen: Weil ich kein Auge bin, gehöre ich nicht zum Körper." Laut Interpretation des großen Bibelstudienblatts "The Sun" war dieser Aufruf zur Einheit trotz Verschiedenheit in diesem Fall als eine "mit Stacheln versehene Botschaft" an die EU zu verstehen, "dass DIE auch einen guten Brexit-Deal brauchen".