Was war nur aus dem alten Mantra "Sie brauchen uns mehr als wir sie" geworden? Nichts scheint mehr Sinn zu ergeben.

Liam Fox, der Minister für internationalen Handel, der noch 2017 "das leichteste Handelsabkommen der Geschichte" zwischen EU und UK voraussagte, meint heute mit der selben irrwitzigen Siegessicherheit, solche Abkommen würden immer erst im letzten Moment geschlossen.

Brexit-Minister Stephen Barclay stimmte am Donnerstag problemlos gegen einen Antrag der eigenen Regierung, für den er selbst zuvor plädiert hatte. Und vor der Abstimmung über "No Deal" am Mittwoch interviewte ITV den ERG-Borderliner Steve Baker, der sagte: "Es wäre ein wirklich katastrophaler Verhandlungsfehler, No Deal von Tisch zu nehmen", um Sekunden später im selben Gespräch in Bezug auf die Warnungen vor den Auswirkungen eines harten Brexit zu behaupten: "Katastrophe ist ein idiotisches und fahrlässiges Wort, das kein Politiker verwenden sollte."

So viel geballte kognitive Dissonanz hält auf die Dauer keiner aus. Laut Umfragen geben 40 Prozent der in Britannien lebenden Menschen an, der Brexit habe sie psychisch beeinträchtigt, und BRD ist das gängige Kürzel für das mittlerweile anerkannte Syndrom "Brexit-Related Depression." Betroffen sind nicht nur die immer noch in Unsicherheit lebenden 3,5 Millionen EU-Bürger und Menschen, deren Arbeitsplatz auf dem Spiel steht, sondern auch Leute, deren Job es ist, über den allgemein als "shitshow" charakterisierten Brexit-Prozess zu berichten.

John Crace, der ultrasarkastische Parlamentskorrespondent des "Guardian", schreibt inzwischen schon praktisch allwöchentlich offen über die seelischen Schwierigkeiten, die ihm sein Job bereitet, seine Kollegin Hannah Jane Parkinson verfasste für den "New Statesman" eine Glosse mit dem besorgniserregenden Titel "Die Welt fällt in Stücke, und meine geistige Gesundheit auch", und selbst der korrekte Moderatoren-Veteran Jon Snow von Channel Four News verlor am Donnerstagabend endgültig die Nerven, als er den Gesundheitsminister Matt Hancock, einen unfassbarerweise als möglicher May-Nachfolger gehandelten Meister der semantischen Selbstsabotage, interviewen musste: "Secretary of State, Sie wissen besser als ich, dass das Parlament dieses eine Mal tatsächlich das Volk repräsentiert, indem es tief gespalten ist. Niemand in diesem Land weiß, was hier abgeht. Niemand da drin weiß es", wetterte Snow und deutete auf die Houses of Parliament hinter ihm, dann auf Hancocks Brust: "Sie wissen auch nicht, was los ist, sogar innerhalb des Kabinetts. Das Kabinett ist ruderlos, das Land auch. Wir sind eine Lachnummer."