An jenem Abend hatte das Unterhaus sich immerhin einem Teil der Realität gestellt und endlich beschlossen, eine Verlängerung des Artikel-50-Prozesses einzureichen. Allerdings nicht ohne gleichzeitig mit großer Mehrheit (dank des vom Großteil der Labour-Abgeordneten eingehaltenen Beschlusses, sich der Stimme zu enthalten) ein zweites Referendum abzulehnen. Natürlich ist diese Option damit noch lange nicht vom Tisch, schließlich wird auch Theresa May am Dienstag ihren Deal bereits zum dritten Mal zur Abstimmung vorlegen. Aber was dabei schmerzlich offen zutage kam, war die Spaltung innerhalb der Remainers: Zwischen jenen der Labour Party unter der Führung des Brexit-Schattenministers Keir Stamer, der Jeremy Corbyn sachte in Richtung eines zweiten Referendums zu schubsen versucht, und der von abtrünnigen Pro-EU-Zentristen gebildeten Independent Group. Um nicht die kleine Zahl verbleibender Tory-Remainer um den gewieften Taktiker Dominic Grieve zu vergessen. Und natürlich die unabhängige People’s Vote-Kampagne, die versucht zwischen all den obigen zu vermitteln und daher das Votum für ein Zweites Referendum am Donnerstag erst recht nicht unterstützte, weil die Zeit dafür noch nicht gekommen sei. Worauf andere Unterstützer des Zweiten Referendums androhten, nächsten Samstag nicht auf die Londoner Großdemo der People’s-Vote-Kampagne zu gehen. Das wird’s den Brexiteers aber zeigen.

Es gibt nur zwei Auswege aus dem Brexit

Nachdem es zuletzt so aussah, als könnte Arlene Foster, die sture Chefin der nordirischen DUP, sich überreden lassen, kommende Woche doch noch für Theresa Mays Deal zu stimmen, könnte bis dahin ja eh schon alles gelaufen sein. Obwohl wir es aufseiten der ERG mit Leuten wie Francois zu tun haben, der kürzlich erklärte, er könne nicht für Mays Austrittsabkommen stimmen, denn das sei "verlieren, nicht gewinnen", und: "Ich war in der Armee. Ich wurde nicht ausgebildet zu verlieren."

So ist der Zustand des politischen Diskurs im Großbritannien des Jahres 2019, knapp drei Jahre nach David Camerons größter Tollerei. Aber am Ende wird es sich gelohnt haben, denn wir wissen ja, es geht um den geheiligten Willen des Volkes. Laut Umfragen ist eine Mehrheit der Briten gegen eine Verschiebung des Brexit. Weil sie die Nase voll hat.

Tatsächlich gibt es nur zwei Möglichkeiten, die Briten vom Brexit zu erlösen: Dass es dem großen Patrioten Nigel Farage gelänge, andere europäische Regierungen für ein Veto gegen die Verlängerung von Artikel 50 zu gewinnen und das Land in einen "No Deal" zu stürzen. Oder die immer populärer werdende, sauberste Lösung: den ganzen Mist einfach abzublasen ("Revoke Article 50"). Technisch möglich, aber politisch heikel.

Im Grunde ist die Lage ein bisschen so wie das Ende von "Quadrophenia", dem 40 Jahre alten Kino-Film zur Rock-Oper von The Who. Jimmy, der Held, enttäuscht von der Welt, geschmäht von seiner Freundin, macht sich zum ultimativen, toxisch maskulinen Akt der gekränkten Selbstbeschädigung bereit, fährt mit seiner Vespa an den Rand der Klippen von Beachy Head und rattert zum Schrei des künftigen Brexit-Befürworters Roger Daltrey ("I’ve had enough of trying to love") mit vor Tränen zerinnendem Kajalstift um die Augen dem Rand der weißen Kreidefelsen entgegnen. Wir sehen seinen Roller durch die Luft fliegen und unten im Abgrund landen. Es bleibt offen, ob Jimmy den Heldentod gestorben oder doch noch rechtzeitig abgesprungen ist. Dazu gibt es unter Fans zwei unversöhnlich gegensätzliche Auslegungen. Je nachdem, ob man seinen Jimmy lieber tragisch heroisch oder selbst in der Verzweiflung dann doch noch intelligent bevorzugt. "No Deal" oder "Revoke" - das perfekte Sinnbild für den Brexit.

Robert Rotifer ist Musiker, Musikjournalist, Radiomoderator und Journalist, der seit 22 Jahren in Großbritannien lebt und über Großbritannien berichtet.