Brüssel/London. Ausgerechnet David Davis hat recht behalten. Immer wieder hat der streitbare Ex-Brexit-Minister von der Seitenlinie geunkt, eine Einigung über den britischen EU-Austritt werde erst in letzter Minute unter Dach und Fach sein - wenn überhaupt. Und genau so ist es gekommen.

Nur gut eine Woche vor dem Brexit-Termin am 29. März ist alles andere als sicher, dass das Jahrhundertprojekt noch einigermaßen geordnet und vernünftig über die Bühne geht.

Zwar berieten die 27 bleibenden EU-Länder am Donnerstag über eine Verschiebung des Austrittsdatums. Allerdings zog sich die Debatte viel länger als gedacht. Der offizielle Vorschlag von EU-Ratschef Donald Tusk, einen Aufschub bis zum 22. Mai anzubieten, ging nicht etwa glatt durch. Vielmehr wurden stundenlang alle möglichen Daten und Szenarien durchdekliniert.

Zitterpartie bis zum Schluss

Statt auf einer Pressekonferenz die Ergebnisse zu verkünden, machten die Gipfelteilnehmer nur eine kurze Pause - um anschließend beim Abendessen weiter auf dem Thema herumzukauen. So oder so dürfte sich die Zitterpartie, die Tausende Unternehmen und Millionen Bürger in Unsicherheit stürzt, bis kurz vor Toresschluss hinziehen. Der Ausgang: offen.

Die britische Premierministerin Theresa May hatte die EU am Mittwoch um einen Aufschub bis zum 30. Juni gebeten. Zähneknirschend musste die Regierungschefin in einem Brief an Tusk am Mittwoch einräumen, dass das britische Parlament den über eineinhalb Jahre ausgefeilten Brexit-Vertrag immer noch nicht gebilligt hat. Und das trotz der Nachverhandlungen mit der EU Anfang vergangener Woche.

Es sei ihre feste Absicht, den Abgeordneten das Abkommen abermals zur Zustimmung vorzulegen, schrieb May. Und sollte das Parlament diesmal Ja sagen, dann werde der Vertrag sicher auch ratifiziert. "Nur wird dies offenkundig nicht mehr vor dem 29. März 2019 abgeschlossen sein", erläuterte May nüchtern. Deshalb ersuche sie um eine Verlängerung der zweijährigen Austrittsfrist nach Artikel 50 der EU-Verträge. Gezeichnet ist der Brief an den "lieben Donald" mit "yours ever" - auf ewig dein, Theresa May.

Miese Stimmung in der EU

Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel und die übrigen EU-Staats- und Regierungschefs versuchten bei ihrem Gipfel am Donnerstag, das Beste aus Mays Bitte zu machen. Denn die Stimmung in der EU ist inzwischen ziemlich angesäuert. Merkel bekräftigte zwar abermals, dass sie einen chaotischen Brexit ohne Vertrag unbedingt vermeiden und bis zum Schluss dafür kämpfen will. Aber der französische Präsident Emmanuel Macron nutzt inzwischen das Wort "No Deal" schon recht flüssig.