Das alles wäre allerdings hinfällig, wenn Großbritannien am EU-Votum teilnehmen und weiterhin im Abgeordnetenhaus vertreten sein muss, weil es erst Monate später aus der Union austritt. Die Organisation des Urnengangs würde nicht nur London in die Bredouille bringen, sondern auch die eine oder andere Hauptstadt, in der bereits von den neuen Regeln – ohne britische Beteiligung – ausgegangen wird.

Daher meinte Kanzler Kurz: "Es wäre absurd, wenn ein Land an der Wahl teilnimmt und gleichzeitig die Europäische Union verlassen möchte." Ähnlich sehen das etliche Staats- und Regierungschefs. May ist da keine Ausnahme: Sie betonte, keineswegs an einer Beteiligung am EU-Urnengang interessiert zu sein.

Es geht aber nicht nur um die Entsendung von Mandataren nach Brüssel und Straßburg. Denn wenige Monate nach dem Votum über das künftige EU-Parlament, im Herbst, endet die Amtszeit der aktuellen EU-Kommission. Ebenso gilt es, einen neuen EU-Ratspräsidenten zu küren, da Donald Tusk abgelöst wird.

Und die Besetzung der EU-Spitzenposten ist wie ein komplexes Puzzle, bei dessen Zusammenstellung die Interessen der Länder und der Parteienfamilien ebenso auszutarieren sind wie politische Macht- und Wahlverhältnisse. Mit Großbritannien am Verhandlungstisch würde sich das nicht unbedingt leichter gestalten.

Dasselbe gilt für die Finanzgespräche über das gemeinsame EU-Budget. Auch die sind jedes Mal ein mühsames Ringen zwischen den EU-Institutionen und den einzelnen Mitgliedstaaten. Sie müssen aber schon bald ernsthaft beginnen, denn der derzeitige langjährige Finanzplan läuft bis 2020.

Mitgliedschaft ohne Stimme?

Die Vorstellung, dass London bei all dem Mitsprache hätte, gefällt den wenigsten. Eine Möglichkeit wäre, dem Königreich bei der Gewährung einer Brexit-Verschiebung die Zusicherung abzunehmen, dass sich Großbritannien der Stimme enthält – selbst wenn es formell noch Teil der Gemeinschaft ist.

Einen harten Brexit ohne Vertrag wünschen sich beide Seiten hingegen nicht – auch wenn May ihn nicht ausschließt. Schaden wäre dabei nicht nur für die Wirtschaft auf der Insel und auf dem Kontinent zu befürchten. Auch Bürger bekämen die Auswirkungen zu spüren: Sie müssten sich etwa auf Einkommenseinbußen einstellen. Eines der am meisten betroffenen Länder wäre Deutschland, wie eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt. Die Deutschen hätten einen Wohlstandsverlust von 115 Euro pro Kopf jährlich. Die Österreicher würden 83 Euro verlieren