Für viele ein Hoffnungsmann: der Kabarettist Selenski, hier als TV-Präsident. - © reuters/Valentynv Ogirenko
Für viele ein Hoffnungsmann: der Kabarettist Selenski, hier als TV-Präsident. - © reuters/Valentynv Ogirenko

"Wiener Zeitung": Am 31. März wird in der Ukraine ein neuer Präsident gewählt, und es bahnt sich eine Überraschung an: Der Kabarettist Wolodymyr Selenski, der in einer Fernsehserie schon einmal einen ukrainischen Präsidenten spielte, liegt in den Umfragen stabil auf dem ersten Platz - noch vor Präsident Petro Poroschenko und der Ikone der Orangen Revolution, Julia Timoschenko. Wird die Ukraine in Zukunft von einem Spaßvogel regiert?

Jaroslaw Hryzak: Er hat zumindest gute Chancen. Das sind wahrscheinlich die Wahlen mit dem größten Überraschungspotenzial, die in der Ukraine bisher stattgefunden haben. Alles kann passieren. Und Selenski ist in diesem Spiel die große Unbekannte. Lange Zeit hat ihn niemand ernst genommen, man dachte, die Hauptkonkurrenten werden am Ende Poroschenko und Timoschenko heißen. Und jetzt liegt Selenski vorne.

Was hat ihn so weit nach vorn gebracht?

Jaroslaw Hryzak (59) gilt als einer der bedeutendsten Historiker der Ukraine. Der Lemberger hat mehrere Standard werke über sein Land verfasst. - © Orysia Stakhiv
Jaroslaw Hryzak (59) gilt als einer der bedeutendsten Historiker der Ukraine. Der Lemberger hat mehrere Standard werke über sein Land verfasst. - © Orysia Stakhiv

Erst einmal ist es sein Populismus. Zweitens unterstützen ihn offensichtlich die jüngeren Leute. Sie zeigen den Mächtigen im Land auf ihre Weise, dass sie tief frustriert sind. Mit einer Stimme für Selenski kann man seinem Protest Ausdruck verleihen. Außerdem gibt es eine sehr starke Sehnsucht nach Reformen. Und nachdem bei vielen der Eindruck vorherrscht, dass die aktuelle Führung diese Reformen nicht liefern kann, hält man nach einer Alternative Ausschau. Selenski scheint diese Alternative zu sein.

Manche wollen wissen, dass Selenski vom Oligarchen Ihor Kolomojski unterstützt wird...

Ja, das wird er. Kolomojski hat 2014, nach der Krim-Annexion und dem Kriegsbeginn im Donbass, eine Schlüsselrolle bei der Verteidigung seiner Heimatregion Dnipro gespielt. Danach folgte der Bruch mit Poroschenko, ein tiefer Konflikt, und jetzt will sich Kolomojski an Poroschenko rächen.

Ist Selenski also nur eine Puppe in den Händen von Kolomojski?

Nein, "Puppe" wäre ein zu starkes Wort. Aber ohne die Unterstützung Kolomojskis könnte der Newcomer Selenski nicht viel ausrichten. Und Kolomojski will Selenski benutzen, um Rache an Poroschenko zu nehmen. Er würde jeden als ukrainischen Präsidenten akzeptieren, solange er nicht Poroschenko heißt.

Es heißt aber auch, dass Kolomojski Timoschenko ebenfalls unterstützt...

Ja, solche Gerüchte gibt es. Die Entscheidung, wer letztlich Präsident oder Präsidentin wird, wird jedenfalls so oder so erst in der Stichwahl fallen. Wie es jetzt aussieht, geht es am 31. März darum, wer es außer Selenski in die Stichwahl schaffen wird - Poroschenko oder Timoschenko. Da ist das Rennen noch ziemlich offen.