Die anderen Kandidaten haben keine Chancen, in die Stichwahl zu kommen? Etwa der vergleichsweise prorussische Kandidat Juri Bojko oder der Kandidat der Maidan-Bewegung, Ex-Verteidigungsminister Anatoli Hryzenko?

Bojko hat keine Chance - ohne die Krim und den Donbass wird er nicht genug Stimmen bekommen. Wie es jetzt aussieht, wird der Süden der Ukraine für Selenski stimmen, in der Zentral- und Ostukraine ist die Lage nicht so klar. Der ukrainische Teil des Donbass wird wohl für Bojko stimmen. In Dnipro, im früheren Dnipropetrowsk, dem industriellen Herz der Ukraine, ist die Lage sehr gemischt, Bojko hat gute Chancen, aber auch Selenski und andere. Im Zentrum ist es wieder anders. Statt dem früher relativ einheitlich wählenden Ost- und Südosten gibt es heute unterschiedliche Subregionen mit ganz eigenen Wahlpräferenzen.

Sie leben im eindeutig prowestlichen, ukrainisch-national orientierten Lemberg. Wie sind die Präferenzen der Menschen in diesem Teil der Ukraine?

Im Westen bevorzugen die Menschen Poroschenko. Selenski ist bei uns nicht so populär. Niemand kann schließlich sagen, was passieren wird, wenn er tatsächlich Präsident wird. Die Ukrainer lassen sich beim Wählen nicht gern auf Überraschungen ein. Und es wäre nicht nur eine Überraschung, wenn Selenski Präsident wird, auch sein Kurs wäre eine, denn Selenski hat kein Programm vorzuweisen. Seine Aussagen sind nicht klar, bewegen sich im Ungefähren. Viele bezweifeln, dass sein Team in wichtigen Fragen, beispielsweise in der Außenpolitik, genug Kompetenz hat. Bei Poroschenko weiß man hingegen, was man nach dem Wahltag bekommt. Außerdem wissen die Menschen, welcher Kandidat dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am meisten missfällt - nämlich Poroschenko. Poroschenkos Hochburgen liegen also zwischen Lemberg und Kiew.

Nochmals zu Selenski: In der Fernsehserie, in der er einen einfachen Geschichtslehrer spielt, der überraschend zum Staatschef gewählt wird, kämpft Selenski - auf oft humorvolle Art und Weise - als Präsident Wassili Goloborodko mit harten Bandagen gegen das oligarchische System. Da wird ziemlich hemdsärmelig verhaftet, oft kommt der Holzhammer zum Einsatz. Sehnen sich die Ukrainer nach dem berüchtigten starken Mann, der endlich aufräumt und Ordnung schafft?

Nicht unbedingt. Der Euromaidan vor fünf Jahren hat in der Ukraine aber die Erwartungen an die Politik hochgeschraubt. Man könnte sagen: Die Ukrainer warten auf ein Wunder. Manche glauben, Selenski könnte dieses Wunder vollbringen. Außerdem trauen die Menschen stärker Bildern als der Realität - das ist ja nicht nur in der Ukraine so. Die Menschen, die Selenski wählen, wählen vermutlich gar nicht in erster Linie den echten Selenski. Sie wählen den Fernseh-Präsidenten Goloborodko. Das Bild, das Image, das in der Serie kreiert wurde, wirkt stärker als die Wirklichkeit. Selenski vermeidet ja auch deshalb klare Aussagen, weil er mit ihnen sein Image zerstören würde.