Selenski kommt aus dem russischsprachigen Teil der Ukraine, auch in seiner TV-Serie "Diener des Volkes", in der er den Präsidenten spielt, wird großteils russisch gesprochen. Befürchten Sie mit einem Präsidenten Selenski eine prorussischere Politik der Ukraine?

Nein. Selenski hat 2014 in dem Konflikt mit Russland die ukrainische Armee unterstützt, seine Loyalität zur Ukraine ist eindeutig. Die Hauptsorge vieler Menschen, die ich teile, ist eine andere: Selenski hat keine Erfahrung im Bereich Politik. Und dann ist da noch eines: Seine "Partei", die so wie die Fernsehserie heißt, ist in Umfragen ebenfalls weit vorne. In der realen Welt gibt es sie allerdings noch gar nicht. Sie ist bis dato ein reines Protestphänomen.

Selenskis Konkurrenten Poroschenko und Timoschenko gehören ja schon lange zur politischen Klasse in der Ukraine. Timoschenko hat ihre Karriere schon zu Sowjetzeiten im Jugendverband Komsomol begonnen. Könnte eine Präsidentschaft Selenskis nicht auch eine Chance für die Ukraine sein, sich von diesen Politikern, die noch in den Sowjetstrukturen aufgewachsen sind, zu emanzipieren?

Ich glaube nicht, dass Timoschenko oder Poroschenko sozusagen "Sowjetmenschen" sind. Das sind sie nicht. Sie haben sich erst im Regime von Präsident Leonid Kutschma in den 1990er Jahren als Oligarchen entfalten können. Der Kampf um die Präsidentschaft findet heute zwischen jenen Leuten statt, die schon zur Zeit der Orangen Revolution von 2004 eine wichtige Rolle gespielt haben - Selenski einmal ausgenommen. Für Timoschenko dürfte es wohl der letzte Anlauf ins Präsidentenamt sein. Sie hat es schon oft versucht und ist bisher jedes Mal gescheitert.

Glauben Sie, dass es nach der Wahl fundamentale Veränderungen in der Ukraine geben kann?

Ehrlich gesagt: Nein. Mit Selenski ist theoretisch zwar alles möglich, aber wohl nur theoretisch. Die Probleme, die das ukrainische System hat, liegen nämlich tief. Um es wirklich zu reformieren, müsste man radikale Reformen einleiten. Und ich glaube nicht, dass der Quereinsteiger Selenski dazu in der Lage sein wird.

Wem trauen Sie solche Reformen am ehesten zu?

Am ehesten noch Poroschenko, obwohl das überraschend klingen mag angesichts des Umstands, dass er seit 2014 an der Macht ist. Betrachtet man die Lage in der Ukraine aber nüchtern - Wunder darf man sich ja keine erwarten -, so ist Poroschenko kein schlechter Präsident. Er hat einige Reformen durchgeführt, zwar zu langsam und verhalten, aber immerhin - die Richtung stimmt. Vieles hat sich zum Guten verändert. Poroschenko hat trotz einiger Mühlsteine immer noch genug Chancen, wiedergewählt zu werden. Wenn man ihn wählt, weiß man zumindest, was man bekommt. Sein Kurs ist vorhersagbar, auch außenpolitisch. Und viele Ukrainer wollen nicht, dass ihr Land von einem unerfahrenen Schauspieler regiert wird - oder von Timoschenko.