Kiew. Es ist Mittag, ein kühler Wind pfeift durch die Plattenbautenschluchten im nördlichen Kiewer Wohnbezirk Obolon. Seit dem Morgen steht Ljudmilla Grigorjewna, den Kunstpelzkragen hochgeschlagen und das Stirnband über die Ohren gezogen, vor der Metrostation und drückt Passanten Flugblätter in die Hand. "Kandidaten gibt es viele", steht auf ihnen. "Aber Präsidenten nur einen!"

Die 65-jährige Pensionistin ist als Freiwillige für den Präsidenten Petro Poroschenko im Einsatz. Ein Passant tritt näher, und Ljudmilla zückt ihr Klemmbrett mit den Fragen. Wie finden Sie die EU-Visumfreiheit, die seit 2017 in Kraft ist? Dass die Armee seit dem Krieg gestärkt wurde? Und die Unabhängigkeit der ukrainisch-orthodoxen Kirche, die zu Weihnachten von Poroschenko durchgebracht wurde? Drei Mal nickt der Mann, drei Mal macht Ljudmilla ein fettes Plus.

Es sind die zentralen Themen von Poroschenko: Sprache, Armee, Glaube, die drei Schlagworte, mit denen der 53-jährige Schokolade-Unternehmer für eine zweite Amtszeit wirbt. Während es bis zuletzt nicht so gut für Poroschenko aussah und er teilweise nicht über zehn Prozent Zustimmung hinauskam, konnte er auf den letzten Metern wieder aufholen.

Warum Ljudmilla selbst den Präsidenten unterstützt? "Weil er ein kluger, guter Manager ist und international eine gute Figur macht", sagt sie. Freilich, im Kampf gegen die Korruption hätten sich ihre Hoffnungen nicht erfüllt. "Aber man kann nun mal nicht alles auf einmal machen", winkt sie ab. Eine Passantin bleibt stehen, Alla Babitsch, eine Kindergärtnerin, die ebenso für Poroschenko stimmen will: "Er ist zumindest ein Präsident, für den ich mich nicht schämen muss." – "Soll das Land etwa von lauter Clowns regiert werde?", mischt sich der Bauarbeiter Boris Salienko ein, mit Seitenhieb auf den Komiker Selenskyj.

Selenskyjs Wahlzelte sucht man umsonst

Eine halbe Stunde Autofahrt weiter im Süden, auf dem Maidan, stehen Nastja und Alina. Dort, wo vor fünf Jahren die "Revolution der Würde" den pro-russischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch aus dem Amt fegte. "Ich glaube an die Ukraine", steht auf den gelben Schildmützen der Studentinnen, der Wahlspruch Timoschenkos. Es sind vor allem ältere Menschen, die an ihrem Stand Halt machen. "Ich finde Timoschenko prinzipiell gut", räumt ein grauhaariger Mann mit Schiebermütze ein, "wenn sie nur endlich ihre Vergangenheit hinter sich lassen würde."

Die Wahlzelte des Fernsehkomikers Selenskyj sucht man dieser Tage in Kiew indes vergebens. Statt sich an Debatten mit anderen Kandidaten zu beteiligen, steht der 41-jährige Komiker für sein Showprogramm auf der Bühne. Erst diesen Mittwoch startete die dritte Staffel der Fernsehserie "Sluga Naroda" ("Diener des Volkes"), in der Selenskyj die Rolle eines Präsidenten spielt. In den Metrostationen gibt es Plakate, die für seine Show werben: "Liga Smecha", "die Liga des Lachens".

Die meisten Anhänger soll Selenskyj aber ohnehin nicht in Kiew, sondern im Osten und Süden des Landes haben. Denys Bihunow ist Aktivist in der ostukrainischen Stadt Slawjansk. Eigentlich wollte der 31-jährige Poroschenko wählen, doch ein Skandal, wonach ein Vertrauter des Präsidenten Waffen aus Russland in die Ukraine geschmuggelt haben soll, hat ihn enttäuscht. "Und dann tritt Selenskyj auf, der sich gegen das System stellt und verspricht, nicht den Oligarchen, sondern nur dem Volk und der Verfassung zu dienen", erklärt er. Bihunow ist nicht naiv, er kennt die Gerüchte, der Komiker werde vom Oligarchen Ihor Kolomojskyj unterstützt. Die letzte Hoffnung, oder doch nur eine Marionette? Bihunow ist nicht sicher. "Es ist wie eine Lotterie", sagt er. Garantien gäbe es keine, auch nicht bei den anderen Kandidaten. "Aber ich werde es riskieren", sagt er. "Und für Selenskyj stimmen."

Doch vielen geht es ohnehin noch so wie Igor. Ein schüchterner 26-jähriger Mann, der sich gerade eine Broschüre von Timoschenko geholt hat, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Wenn die Sprache auf den amtierenden Präsidenten kommt, verzieht er nur das Gesicht. "Wie viele unserer Jungs sind schon in der Ostukraine gestorben?", sagt er. "Ich will doch nur ein Ende des Krieges und ein normales Leben für die Ukrainer." Wählen will Igor unbedingt, doch für wen, das weiß er noch nicht – und ist somit einer der 20 bis 25 Prozent Ukrainer, die noch nicht wissen, wem sie am Sonntag ihre Stimme geben werden: "Ich werde mich wohl erst in der Wahlkabine entscheiden."