Kiew. Vertreter von Wolodymyr Selenskyj und Julia Timoschenko haben am Sonntagnachmittag über zahlreiche Unregelmäßigkeiten bei den ukrainischen Präsidentschaftswahlen geklagt. Kritik gab es auch an Manipulationsversuchen durch Vertreter des amtierenden Staatschefs Petro Poroschenko und angeblicher verbotener Wahlwerbung durch einen Fernsehsender, der dem Präsidenten nahe steht.

Die Rede war aber auch von Verdacht auf Stimmenkauf. Mehr als 1.800 Meldungen zu möglichen Unregelmäßigkeiten seien bis 13.30 Uhr (Ortszeit, 12.30 Uhr MESZ) beim Stab von Wolodymyr Selenskyj eingetroffen, berichtete Koordinator Oleksandr Kornijenko am Sonntagnachmittag: Die meisten Vorwürfe hätten sich auf Wähler bezogen, die in Gruppen und organisiert in Wahllokale gebracht worden seien, auf Menschen, die mit Wählerlisten vor Wahllokalen stünden und Tote, die im Wählerverzeichnis aufscheinen würden.

Gerüchte über gekaufte Stimmen

"Es gibt Gerüchte über Summen, die Wählern vor Ort ausbezahlt werden. Das sind zwischen 500 und 1.500 Hrywnja (16,31 bzw. 48,93 Euro) von Kandidaten, die Anspruch auf einen der ersten drei Plätze erheben. Aber nicht von uns", sagte Kornijenko. Der Selenskyj-Vertreter beklagte zudem, dass Wahlbeobachter seines Kandidaten im Umland von Kiew rechtswidrig gezwungen worden seien, Selenskyj-Badges von ihrer Kleidung zu entfernen.

Vorwürfe äußerte am Nachmittag auch der Timoschenko-Vertreter Serhij Wlassenko. In der Stadt Saporischschja seien etwa ausgerechnet einem von Poroschenko nominierten Wahlkommissionsmitglied gleich zehn Wahlkarten ausgehändigt worden, sagte Wlassenko. In einigen Wahllokalen in der Westukraine seien zudem einzelne Kandidaten gesetzeswidrig von Wahlzetteln gestrichen worden, erzählte er.

Fernsehsender wirbt vor Wahlkommission für Poroschenko

Der Timoschenko-Vertreter kritisierte insbesondere, dass der Poroschenko nahestehende Fernsehsender "Prjamyj" am Sonntagnachmittag vor der Zentralen Wahlkommission in Kiew eine Bühne aufgebaut habe und dort offen für Poroschenko agitieren würde. Nach APA-Informationen hatten am Donnerstag aber auch Mitstreiter von Timoschenko versucht, am diesem Ort eine Bühne aufzubauen. Sie wurden letztendlich von der Polizei jedoch daran gehindert.

 Unter starken Sicherheitsvorkehrungen öffneten ab 7.00 Uhr MESZ die Wahllokale im ganzen Land. Die rund 30 Millionen Wähler der verarmten Ex-Sowjetrepublik können zwischen insgesamt 39 Kandidaten abstimmen. Erste Nachwahlbefragungen werden unmittelbar nach Schließung der Wahllokale ab 19.00 Uhr MESZ erwartet. Ein zweiter Wahlgang in den kommenden Wochen gilt als sehr wahrscheinlich.

Dem politischen Quereinsteiger und Schauspieler Wolodymyr Selenskyj werden die meisten Chancen vor Amtsinhaber Petro Poroschenko und Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko eingeräumt. Der Komiker Selenskyj tritt mit dem Wahlversprechen an, gegen die Günstlingswirtschaft anzukämpfen.

In der Europäischen Union wird die Abstimmung mit großem Interesse verfolgt. Das nach IWF-Statistiken ärmste Land Europas steuert einen Kurs Richtung EU und NATO an. Auch die zerrüttete Beziehung zum Nachbarn Russland ist eines der wichtigsten Themen im Land. Der ehemalige Bruderstaat wird in Kiew seit der Einverleibung der Schwarzmeerhalbinsel Krim und dem Krieg im Osten zwischen Regierungssoldaten und prorussischen Separatisten als Feind gesehen.

Klitschko: Demokratischer als Russland

Der Kiewer Bürgermeister und frühere Box-Weltmeister Vitali Klitschko sieht die Präsidentenwahl im Unterschied zu Russland als demokratisch an. Am Wahltag wisse niemand in der Ex-Sowjetrepublik, wer das Land künftig führen werde, sagte Klitschko der Deutschen Presse-Agentur bei der Abstimmung am Sonntag in einem Wahllokal in Kiew.

"Das ist Demokratie. Nur in Russland weiß man ein Jahr im Voraus, wer der Präsident wird." Auch der sich abzeichnende zweite Wahlgang zeige, dass die in die EU strebende Ukraine ein demokratisches Land sei. Bei der vergangenen Präsidentenwahl in Russland galt die Wiederwahl von Kremlchef Wladimir Putin schon zuvor als gesetzt.

"Ich hoffe, die Ukraine bleibt stabil", sagte Klitschko nach seiner Stimmabgabe. Er kam mit dem Fahrrad ins Wahllokal. "Unsere Vision ist, dass die Ukraine ein Teil der europäischen Familie mit europäischen Werten ist." Vorbild sei Polen, das erfolgreich den Weg in die EU genommen habe. (apa, dpa)