Kiew. Der Fernsehkomiker Wolodymyr Selenskyj steht bei der ukrainischen Präsidentenwahl vor einem Erdrutschsieg. Nach der Präsidentschaftswahl liegt Wolodymyr Selenskyj ersten Ergebnissen zufolge klar in Führung. Wie die Wahlkommission am Montag nach Auszählung von mehr als der Hälfte der Stimmen bekanntgab, kam der 41-jährige Politikneuling in der ersten Wahlrunde mit 30,2 Prozent der Stimmen auf Platz eins, gefolgt von Amtsinhaber Petro Poroschenko mit 16,7 Prozent.

Damit müssen die beiden am 21. April in einer Stichwahl gegeneinander antreten. Das Teilergebnis bestätigt die ersten Prognosen auf Grundlage von Nachwahlbefragungen, die Selenskyi ebenfalls mit gut 30 Prozent in Führung gesehen hatten. Die frühere Ministerpräsidentin Julia Timoschenko kommt laut Wahlkommission mit 13,7 Prozent auf Platz drei. Timoschenko hatte nach der Veröffentlichung der Wahlprognosen am Sonntagabend das Ergebnis angezweifelt und von Manipulationen gesprochen.

Selenskyi hatte schon in Umfragen vor der Wahl klar in Führung gelegen. Der 41-Jährige, der vor allem bei jungen Wählern beliebt ist, spielt in der Fernsehserie "Diener des Volkes" einen Lehrer, der unverhofft zum Präsidenten wird. Kritiker werfen ihm vor, auch im echten Leben fehle ihm politische Erfahrung.

Die ersten Ergebnisse am Sonntag

Die vom österreichischen Institut SORA durchgeführte Wählerbefragung für den Sender News One sah Selenskyj mit 30,7 zu 18,6 Prozent vorne. Nach einer anderen Exit Poll führte der Komiker mit 30,4 zu 17,8 Prozent. Dritte wurde Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko mit 13,9 bzw. 14,2 Prozent der Stimmen. Sie kritisierte in einer ersten Reaktion "all die gekauften Exit Polls". Auf dem vierten Platz landete Ex-Premier Juri Bojko mit 10,3 bzw. 9,8 Prozent der Stimmen.

Selenskyj sieht sich auf Weg ins Präsidentenamt

"Das ist nur der erste Schritt zum großen Erfolg", sagte der 41-jährige Selenskyj am Sonntag in Kiew nach Schließung der Wahllokale. Er dankte seinen Wählern. Prognosen mehrerer Meinungsforschungsinstitute sahen ihn als klaren Sieger im ersten Wahlgang mit rund 30 Prozent der Stimmen. Es gebe viele Prognosen - "aber überall nur einen Sieger", sagte Selenskyj. Er betonte, als unabhängiger Kandidat weitermachen zu wollen. "Wir wollen uns mit niemandem zusammentun und haben keine Verhandlungen dazu geführt", sagte er.

Poroschenko: "Wir werden sicher gewinnen"

Präsident Poroschenko hat sich trotz seines großen Rückstandes auf Fernsehkomiker Wolodymyr Selenskyj zuversichtlich gezeigt, den Politneuling in der Stichwahl am 21. April besiegen zu können. "Wir werden sicher gewinnen", sagte Poroschenko am Sonntagabend vor Anhängern in Kiew."Wir Ukrainer haben das russische Szenario gestoppt und die Ukrainer werden dieses Szenario im zweiten Wahldurchgang verhindern", erklärte ein gut gelaunter Poroschenko. Der russische Präsident Wladimir Putin werde sehen, dass die Ukrainer bei den Wahlen gegen eine Kapitulation gestimmt hätten. Poroschenko kündigte eine harte Auseinandersetzung mit Selenskyj an und betonte, dass die "Witze am 21. April vorbei sein" werden.Poroschenko bedankte sich bei den "verantwortungsbewussten Wählern", die ihm in der ersten Runde am Sonntag die Stimme gegeben hätten. "Ihre Anzahl wird nun in geometrischer Progression anwachsen", sagte er. Laut nach Wahlschluss veröffentlichen Wählerbefragungen kam der Amtsinhaber auf rund 18 Prozent und landete damit abgeschlagen hinter dem Komiker Selenskyj, der rund 30 Prozent erreichte.Er betonte, dass sein Land mit freien Wahlen seinen europäischen Charakter bewiesen habe. Die Wahlen hätten der europäischen politischen Kultur, den zivilisatorischen Standards der EU entsprochen und auch am 21. April werde die Ukraine diese Prüfung bestehen. Er betonte, dass es zu einer EU- und NATO-Orientierung seines Landes keine Alternative gebe.

Timoschenko beansprucht zweiten PlatzTimoschenko hat nach der ersten Runde der Präsidentenwahl einen Platz in der Stichwahl für sich beansprucht. Timoschenko verwies am Sonntagabend auf eine "alternative" Wählerbefragung, die sie bei 20,9 Prozent der Stimmen sehe. Damit werde sie am 21. April gegen Fernsehkomiker Wolodymyr Selenskyj antreten.Laut den von Fernsehsendern veröffentlichen Exit Polls kam Timoschenko auf rund 14 Prozent der Stimmen, während Selenskyj mit rund 30 Prozent und Amtsinhaber Petro Poroschenko mit rund 18 Prozent den Einzug in die Stichwahl am 21. April schafften.

Selenskyj kommt bei den Jungen gut an

Insgesamt waren 39 Kandidaten bei dem Urnengang angetreten, weswegen fix mit einer Stichwahl gerechnet wurde. Selenskyj (41) hatte schon vor der Wahl die Umfragen angeführt. Er kam vor allem im russischsprachigen Osten und Süden des Landes sowie bei jungen Wählern gut an. Landesweite Popularität erreichte er mit der Fernsehserie "Diener des Volkes", in der er einen Wutbürger darstellt, der zum Präsidenten gewählt wird.

Selenskyj hatte seine Stimme am Sonntagvormittag im Norden Kiews unter großem Medienandrang abgegeben. Auf Fragen insbesondere internationaler Journalisten antwortete er mit Gemeinplätzen. Er trete für eine bessere Ukraine ohne Korruption und Bestechungsgelder ein, sagte Selenskyj. Auf die Frage, welchen Staat er als Präsident der Ukraine zuerst besuchen wolle, antwortete der entspannt wirkende Fernsehstar ausweichend. "Ich denke, dass ich zuerst alle Regionen der Ukraine besuchen werde", erklärte er.

30 Millionen Wahlberechtigte

Poroschenko (53) hatte bei seiner Stimmabgabe die große Bedeutung der Wahl hervorgestrichen. "Diese Wahl ist eine absolute Grundvoraussetzung für unsere Bewegung vorwärts, zu unserer Mitgliedschaft in EU und NATO", sagte er. Es sei für ihn eine Schicksalswahl. Alle drei favorisierten Kandidaten hatten erklärt, sie wollten die territoriale Unversehrtheit der Ukraine wiederherstellen. Neben den selbst ernannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk wollen sie auch die von Russland einverleibte Schwarzmeer-Halbinsel Krim wieder unter ukrainische Hoheit stellen.

Rund 30 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, auf dem 80 Zentimeter langen Stimmzettel ein Kreuz zu machen. Die von Russland unterstützten abtrünnigen Regionen Donezk und Luhansk im Kriegsgebiet Donbass nahmen nicht an der Wahl teil. Die Sicherheitsvorkehrungen in dem Land waren hoch. Zehntausende Einsatzkräfte waren abgestellt, um Zwischenfälle zu verhindern.

Während Vertreter Selenskyjs und Timoschenkos von zahlreichen Unregelmäßigkeiten berichteten, darunter Stimmenkauf und mehrfache Stimmabgaben, sprach die Zentrale Wahlkommission von einem regulären Verlauf des Urnengangs. "Die Wahlen verlaufen regulär, systemhafte Verstöße sind bisher nicht fixiert worden", sagte die Sekretärin der Wahlkommission, Netalja Bernazka. Hunderte Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) waren im Einsatz. Erste offizielle Ergebnisse wurden noch am Sonntagabend erwartet. (apa)