Das aber führte zu jenen notorischen Antwortschreiben des Innenministeriums, in denen Antragsteller fälschlich als illegale Einwanderer eingestuft und zum sofortigen Abzug aus Großbritannien aufgefordert wurden - obwohl die Betreffenden noch immer EU-Recht unterlagen, also das Recht hatten, im Land zu sein.

Bürger zweiter Klasse

Diese Schreiben mit den Deportations-Drohungen, sorgten damals für viel Empörung. "Vor allem merkten wir auf einmal, was da los war, was für ein System feindseliger Ausgrenzung Theresa May schon als Innenministerin aufgebaut hatte und dass wir dem plötzlich ebenfalls ausgeliefert waren", sagt Bohn.

Sie und eine Gruppe befreundeter EU-Bürger gründeten die Bürgerinitiative "the3million". Sie ist seither das wichtigste Sprachrohr verstörter Europäer auf der Insel. Im Büro des Verbandes, einem kleinen Raum in einer aufgefrischten Werkshalle in Bristol, helfen Bohn und ihre Mitstreiter Betroffenen mit Informationen und nehmen als Lobby-Gruppe Einfluss auf die Londoner Politik und auf die Reaktionen der EU.

Erleichtert sind "the3million" über die Regelungen, die in den Austrittsvertrag eingegangen sind, den London und Brüssel voriges Jahr ausgehandelt haben. Er begründet einen neuen "settled status", den Status "fest angesiedelter" Bürger, und sichert EU-Bürgern zumindest ein paar grundlegende Rechte zu.

Um den neuen Status müssen sich EU-Bürger in Großbritannien vor Ende 2020 bewerben, indem sie nachweisen, dass sie seit mindestens fünf Jahren im Land gelebt haben. Der Bewerbungsprozess ist gerade angelaufen, hat aber auch schon bittere Klagen ausgelöst. Erstens tun sich ältere und benachteiligte Personen oft schwer mit der rein elektronischen Form der Registrierung. Den Sprechern von "the3million" gefällt auch nicht, dass man am Ende im Ministerium lediglich als Nummer existiert und nicht einmal ein Zertifikat zum neuen Status erhält.

"Wir sind dann die einzige Gruppe in Großbritannien, die kein Dokument vorweisen kann", sagt Maike Bohn. Registrierte Immigranten aus aller Welt verfügen über entsprechende Papiere. Das hat zum Vorwurf geführt, EU-Bürger würden post Brexit zu Bürgern zweiter Klasse herabgestuft.

"Das kann fatal sein, wenn man schnell seinen Status nachweisen muss", sagt Bohn. "Wenn ich zum Beispiel eine Wohnung mieten will, stehe ich dumm da und muss die Vermieter fragen, ob sie bitte mal auf ihrem Computer die Rechtmäßigkeit meiner Existenz im Lande überprüfen könnten - während ein Australier nur seinen Ausweis aus der Tasche ziehen muss."

Depressionen angestiegen

"Das Ganze ist ein Experiment", sagt Bohn. "Ein völlig digitales Meldesystem - weil die Briten alles zentralisiert und digitalisiert haben. Unsere Sorge ist, dass das nicht funktioniert." Ungute Gefühle gibt es auch, weil sämtliche Daten von der Regierung weitergereicht werden können, ohne dass die Betroffenen erfahren, an wen sie gehen.